Das phallische Symbol der Frau

Fernsehkritik: „Kult um den Busen“ (arte)

big tits„Wir leben in einer Zeit, wo Silikoneinlagen, rote Lippen und Hintern zeigen keine Rolle mehr spielen“, behauptet steil ein vermutlich schwuler Zeitgenosse, „heute gilt die als schön, die das schönste Gehirn hat.“ Schön wär’s. Wenn das stimmen würde, liefe dem Busen erstmals in der Menschheitsgeschichte das glupschaugige Publikum davon? Die französischen Dokumentaristen nehmen sich die stets im Duo auffällig werdende Körperanhängsel zur Brust, tasten sich sensibel an den Nippeln, Fettdepothügeln und Vorurteilen entlang, doch kommen sie schlussendlich an einer fulminanten Würdigung des Busens partout nicht vorbei.

Nachdem man uns zunächst diverse Busen in aller unterschiedlichen Größe zeigt, damit wir uns erst mal ein Bild davon machen können, worüber hier überhaupt geredet wird, begeistert uns ein Kunstkritiker mit der Erkenntnis, dass der Busen „doppeldeutig“ sei – einerseits Still- und andererseits Sexobjekt. Eine Stripteasetänzerin bekennt, ihre Brüste gerne zu zeigen, und hat noch einen Tipp parat wie kleine Naturerhebungen optisch besser zur Geltung kommen. Sie benutzt Glanzpuder. Und natürlich darf die politischste Deutsche Brust nicht fehlen: Vera Lengsfeld.

Die seinerzeit auf ihrem Bundestagswahlkampfplakat mit tiefem Dekolletee warb und ihr mütterlichen Abbild neben einem Ausschnittfoto von Frau Merkel recherchieren ließ. Unabgesprochen mit der Bundeskanzlerin, die schon etwas argumentativer die Wahl zu gewinnen trachtete. Jedenfalls war Frau Lengsfeld so erst Kneipengesprächsthema, dann ihr Bundestagsmandat los. Deshalb schien es den Autoren wohl nur zu verständlich, diese Frau zum Thema zu befragen. Und was sagt sie: „In Krisenzeiten wie jetzt sehnt man sich nach seiner Mutter und da Brüste ein Symbol der Mütterlichkeit sind, hängt das miteinander zusammen.“ Genau. Es hängt. Bei der Mutter.

„Ich glaube eigentlich nicht, dass es ein großer Vorteil ist einen großen Busen zu haben. Er ist eher hinderlich. Man weiß ja nie so richtig wohin damit“, verrät uns eine Schauspielerin mit entwaffnendem Charme und spricht damit wohl vielen Frauen aus der Seele. Wir lernen eine weibliche Comiczeichnerin kennen (sie verspottet den Kult um die Brüste wird aber schnell sehr ernst, wenn sie über ihre leicht zum Hängen neigenden eigenen Dinger spricht) und einen Maler, der sich auf das Porträtieren von Silikonbrüsten dekadenter Damen der feinen Gesellschaft spezialisierte („Silikonbrüste sind Ausdruck der Vergänglichkeit – im Grunde zeigen sie nur die Last des Alters an“). Stimmt denn das? Lassen sich nicht gerade jungen Frauen, ihr Selbstbewusstsein mit Silikon ausstopfen?

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Selbstverständlich darf in dieser Dokumentation keinesfalls der Tittenkönig des sinnfreien Schmuddelfilms fehlen: Russ Meyer. Seine Ex-Lebensgefährtin trägt XXL obenrum und XXS im Oberstübchen. Gott sei Dank konnte man verhindern, dass uns die sichtlich gealterte Diva das im Original zeigt, worauf sie sich selbst reduziert, dafür zeigt sie ein Bild nach dem Anderen aus Jugendtagen von sich her. „Meine großen Titten umarmen die Leute, bevor ich es tue“, begründet sie ihren Erfolg. Ähnlich wie die Russ-Meyer-Filme wirkt es ja schon ein bisschen ärmlich, wenn man seine Persönlichkeit einzig und alleine auf seine Brust reduziert. Mit einer Prise Humor und Selbstironie, wie man die Russ-Meyer-Filme auch interpretieren könnte, wird ihr Kultstatus jedoch durchaus verständlich. Schade nur, dass sich die „Künstlerin“ selbst viel zu wichtig nimmt.

Sehr viel angenehmer, da selbstironisch, geht die heutige Künstlerin und früher Pornodarstellerin Annie Sprinkle mit dem Thema um, wie exemplarisch ihr „Ballett der Brüste“ beweist. Sogar der Star-Fotografin Bettina Rheims stattet man einen Besuch ab: „Bei männlichen Fotografen sieht man oft, dass sie von operierten Brüsten und großen Pobacken fasziniert sind. Mich interessiert das nicht.“

Rat an alle Vollbusigen: nimm deine Brüste in die Hand und lauf vor den Brustfetischisten davon. Die lieben nicht dich, die lieben nur deine dicken Dinger