Das Geschäft mit Lust und Peitsche

Fernsehkritik: „Beruf Domina – das Geschäft mit Lust und Peitsche“ (3sat)

Mit einem nackten Mann, der den gefliesten Fussboden von Feinstaub befreit und dabei eine Gesichtsmaske trägt, beginnt die Dokumentation und einem wunderbar sarkastischen Kommentar dazu: „um Verwechslungen gleich auszuschließen, dieser Mann arbeitet nicht bei einer Reinigungsfirma“. Wir befinden uns in Zürich bei Lady Annette, die in ihrem Studio Männern bei der Befreiung ihres inneren Ichs behilflich ist. Wozu sie gleich mal, vielleicht nicht ganz so ladylike, auf den gekachelten Fussboden rotzt, wie man es sonst von Proleten auf dem Fußball-Bundesliga-Rasen kennt, was der Sklave sofort mit devot-gehauchtem „Danke, Herrin“ aufleckt. Spucke als Almosengabe. Als hätte man ihm eine Euromünze aus Mitleid für seine erkennbare Erektion hingeworfen.

Bei den folgenden Spielerchen, die wir in der Softfassung zu sehen bekommen, winselt der Sklave ständig um Gnade. Alleine vom Zuhören dürfte sogar ein Mensch mit pazifistischer Grundeinstellung der Meinung sein, dieser Mann verdiene mal eine Tracht Prügel, weil einem sein minimaler Fundus an Worten mächtig auf den Keks geht. Lady Annette rückt nach der Session ihre Fick-mich-Stiefel zurecht und gibt an sich gut zu fühlen, weil sie dem Gast so viel Gutes tun konnte. Er sei süchtig nach Erniedrigung – er komme immer wieder zu ihr.

Wir wechseln im Bild Domina und Sklave. Wir sehen sie bei der Ausübung seiner erotischen Phantasie. Der sechzigjährige Architekt Kurt trägt Lack, küsst ihre Lackschuhe und ist Stammgast. Die Domina Dominique von Sternenberg ist die Don’t-Touch-Duchesse für den pfundigen Liebhaber, die mit einer enthusiastischen Akribie ihre verschiedenen Schlaginstrumente für uns erklärt, dass einem bloß vom Zuhören schon alles weh tut. „Je dünner er ist, desto härter ist der Schlag und desto eher sind Spuren zu sehen, weil die Haut mehr strapaziert wird. Sehr weh tut diese Spikes-Peitsche, die es mit Vorsicht zu genießen gilt.“ Die äußerst selbstbewusste Frau trägt die selbsterdachte Berufsbezeichnung „Erfüllungsfachfrau“ und nicht etwa Gehilfin, weil man über großes Fachwissen verfügen, die Risiken kennen und auf Hygiene achten müsse. Die Schmerzen, die Sklave Kurt von seiner Herrin zugefügt bekommt, sind für ihn Zeichen der Zuneigung. Und als Grund dafür gibt er an, Frauen einfach so sehr zu verehren, dass er sich ihnen völlig unterordnen wolle.

Originalzitat der Domina: „Ich bin ganz klar gegen Gewalt in der Ehe. Aber meine sadistische Ader mit einem Sklaven spielerisch auszuleben, macht mir einfach Spaß.“

Beide Dominas sind wahrlich keine klassischen Schönheiten, doch zweifelsohne versprühen sie selbst in Alltagskleidung eine Aura, die einen für sie einnimmt. In der heutigen Zeit ist selbstverständlich der Internetauftritt für den beruflichen Erfolg extrem wichtig. Lady Annette hat ein äußerst breit gefächertes K.O.- Angebot von Kaviar- bis Onaniespielchen, wobei sie betont wie wichtig ihre Fotos in Lack in unterschiedlichen Posen und an ungewöhnlichen Orten ist, um die potentielle Kundschaft anzusprechen, ihre Phantasie in Gang, sie ins Schwelgen zu bringen. „Ich bin zufrieden mit mir. Und damit strahle ich Schönheit aus und wirke interessant. Das ist wichtig.“

Es gibt bei den dokumentierten Dominas keinen Sex im klassischen Sinn, aber zum Höhepunkt gelangen die Männer schon. „Die können bei mir in den verschiedensten Ritualen kommen. Ob sie sich das nun selbst besorgen oder mit einer sogenannten Wichsmaschine sehr erniedrigend abgemolken werden. Sie auf Befehl zum Höhepunkt kommen lassen zu müssen … ich bestrafe sie natürlich, wenn es nicht klappt oder sie zu früh kommen … ist sicherlich kein unbedeutender Teil.“

Was ein weiterer Beweis dafür sein dürfte, dass sich Sex eben in allererster Linie im Kopf abspielt.