Die saubere Welt des Nils Molitor

TOM Report Serie: Porno in Deutschland»

Dreharbeiten für den teuersten Porno des Jahres

Vor ein paar Wochen traf ich Annette Schwarz, die einzige aktive deutsche Pornodarstellerin, die auch in den USA bekannt ist, weil sie Dinge macht, die andere nicht machen. Heute bin ich wieder in München. Der Grund: Nils Molitor dreht den teuersten Porno des Jahres. Ein Pornofilm mit Handlung, Dialogen und Drehbuch, gedreht von einer richtigen Filmcrew, mit teurem Equipment und einem Budget von 70.000€. Das hat in Deutschland inzwischen seltenheitswert. Nils, in der Szene bekannt als Moli, ist nicht nur Regisseur, er macht auch die Kamera. „In erster Linie bin ich Filmemacher, dann erst Pornograph“, meint er zu mir.

Gedreht wird eine Szene in einem Münchener Nobel-Restaurant. Die Belegschaft hat das Lokal, das im Keller liegt, bereits verlassen. Niemand außer dem Besitzer weiß, das hier jetzt eine Porno-Szene gedreht wird. Die Story: Eine Frau soll einen Mann überprüfen, ob dieser die moralische Integrität besitzt, das Erbe seines Vaters anzutreten. Da wir uns in einem Porno befinden, werden die beiden Sex haben. Was man noch wissen muss: Dieser Film wird in drei Versionen gedreht: eine Hardcore-Fassung für den deutschen Markt, eine Hardcore -Fassung mit Kondom für den französischen Markt und eine Soft-Fassung für den Bezahlsender Sky. Das wird Arbeit.

MaskeMit dabei: Steve Holmes, ein deutscher Pornodarsteller rumänischer Herkunft, einer der wenigen, die auch international bekannt sind, sowie Uma Masome (noch so ein Künstlername), die aus Bayern kommt und nur zwei Filme bisher gedreht hat, die aber einfach wissen will, wie es ist, Sex vor der Kamera zu haben. Sie spricht so, als sei sie hier nur durch Zufall reingeraten, wirkt unauffällig, aber nett.

Jetzt wird der Eingang abgeschlossen. Es kann losgehen. Der große, weiße Raum, dazu die Liegelandschaft, die sich an den Wänden des Restaurants entlangzieht. Von der Decke hängen gardinenähnliche Paillettenreihen, die das Licht reflektieren und bei leichtem Windhauch, hervorgerufen durch einen wedelnden Beleuchter, einen sanften Glitzereffekt erzeugen.

Nils weist Steve und Uma ihre Plätze zu, an der jeweils gegenüberliegenden Ecke der Liegelandschaft. Hinter dem Team liegen bereits vier harte Drehtage.

Bei Nils beginnt jede Sexszene mit Dialog. Und das ist das Problem. Zumindest für Uma. Sie ist keine Schauspielerin, genau genommen ist sie nicht einmal eine Porno-Darstellerin. Sie ist neugierig, und dafür muss man im Allgemeinen keine Dialoge sprechen können. Aber jetzt muss sie es. Als Studentin kann sie sich einen Text gut merken, aber das Problem ist die richtige Betonung. Figuren in Pornos sprechen selten so, wie normale Menschen sprechen. Wenn sie überhaupt reden. Aber dies ist ein Porno mit Anspruch, und deshalb wird hier auch geredet, gibt es sogar Szenen, die die Handlung vorantreiben und in denen nicht gevögelt wird, jetzt aber soll gevögelt werden, und dazu sollen die Darsteller einen Dialog sprechen, der zeigt, dass sich da was anbahnt. Es soll knistern, wie Nils es ausdrückt. Dabei wird deutlich, dass Porno schon deshalb fast immer an der Realität vorbeischrammen muss, weil er eben nur eine Fantasie über das wirkliche Leben anbietet. Manchmal ist das plump, und dann wirkt das auf schon fast wieder sympathische Art bemüht, wie hier, wo jeder Satz verrucht wirken soll, jede Betonung doppeldeutig sein, jede Geste sich anbahnende Hemmungslosigkeit verraten muss.

Nils Molitor

Porno dafür zu schmähen, er stelle etwas anderes dar als Realität, hieße ihn für etwas zu verurteilen, was er leisten soll.

Denn warum werden Pornos gesehen: Weil sie Sex anders darstellen, als er in der Realität vorkommt. Und trotzdem sind es Menschen aus Fleisch und Blut. Wie Uma eben, die gerade den vierten Versuch startet, ihren Satz aufzusagen. Sie kann einem fast leid tun, bis es aus ihr herausbricht und sie fragt, wann es denn ans Ficken ginge. Da kann man ihr nur beipflichten, denn zum dialogisieren ist sie wirklich nicht hier, da hat sie Recht.

Plötzlich ist da ein Geräusch, das  unregelmäßige, aber beständige Zirpen einer Grille. Auch das noch! Eine Grille, die sich über den Kellereingang in die Küche verirrt hat, die direkt in den Gästeraum führt, ohne eine Tür, die man schließen könnte. Kurze Unterbrechung. Vier Leute suchen jetzt in der Küche nach dem Insekt. Offenbar hat sich die Grille auf den Lüftungsschächten der Abzugsanlage niedergelassen. Doch wie Grillen so sind. Sucht man nach ihnen, verstummen sie. Eine Leiter wird herbeigeschafft. Das Zirpen ist wieder zu hören, aber die Grille ist nicht zu sehen. Der rettende Einfall: Es werden Matratzen aus dem Nebenraum herbeigeschafft, mit denen man den Durchgang verbarrikadiert. Das Zirpen ist jetzt nur noch sehr leise zu hören, leise genug, um weitermachen zu können. „Verdammte Natur“, meint der Tonmann.

Es ist stickig geworden und ätzend heiß. Die Eingangstür muss verschlossen bleiben, der Luftzug zur Küche und zum Hinterausgang ist jetzt abgeschnitten, die Klimaanlage abgestellt, wegen der Geräusche, und das Lokal liegt ja im Keller.

Uma soll sich jetzt aus ihrer Ecke auf allen Vieren zu Steve räkeln, mit einer Hummerschere in der einen und dem gefüllten Weinglas in der anderen Hand, beim Kerzenständer halt machen, die Kerzen mit dem Wein aus dem Mund löschen und weiter zu Steve. Beim dritten Versuch fangen Umas Haare Feuer. Nur ein paar Strähnen, aber es reicht. Sofort macht sich der Geruch verbrannter Haare breit. Das hier ist Knochenarbeit.

Uma setzt sich auf Steves ausgestreckte Beine, und mit der Hummerschere im Mund neckt sie ihn mit leichten Ohrfeigen, wobei sie ihn auffordert, gleiches, aber heftiger, mit ihr zu tun. Dann geht es los, nur dass sich Steve nicht ausziehen darf, so will es Nils, also macht er es in diesem weißen, sommerlichen Anzug, sogar die schwarzen Schuhe behält er an, was alles in allem nicht nur unbequem ausschaut, sondern auch ist, denn Steve beginnt zu schwitzen, bei der Luft hier und den heftigen Bewegungen wäre alles andere seltsam, und alle im Raum bekommen mit, dass Uma wirklich keine Darstellerin ist, weil sie nichts darstellt, sondern einfach nur richtig bei der Sache ist, stöhnt und schreit und stöhnt und schreit: „Ich komme“ und sich bei ihr alles verkrampft, sie aber nicht aufhört und Steve unermüdlich weiter macht, bis Nils unterbricht: „Okay, jetzt mit Kondom.“ Er entschuldigt sich sogar, die beiden unterbrochen zu haben.

Steve legt Hand an sich an. Er muss den Schwanz wieder in Form bringen. Pausen sind schlecht. Und wie er es sich selbst macht, blickt er auf zur Decke, oder ist es der Himmel? Seine Augen starren in völliger Konzentration und er wirkt wie weggetreten. Plötzlich sackt er aus der aufragenden Haltung leicht ein und meint: „Wir können weitermachen.“ Also zieht er sich das Kondom über. Position einnehmen. „Kamera läuft, und bitte.“

Für Uma alles kein Problem. Sie beugt sich vornüber und lässt Steve machen, und es dauert keine Sekunde, da befindet sie sich schon im Erregungszustand, sie jauchzt auf, faucht was von „Orgasmus“, und Nils, der jetzt mit der Kamera auf die Polster gestiegen ist, um einen Blick von oben einzufangen, murmelt ergriffen: „Sensationell.“

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Für ihn ein Glücksfall, was da geschieht, dass eine Frau nicht mehr Darstellerin, sondern sie selbst ist. Die Lust tritt aus dem Schatten der Inszenierung hervor. Uma erfüllt damit eine Vorgabe jeder Pornographie, die doch immer darauf aus sein muss, ihre Inszenierung vergessen zu machen. Ich kann an den Zuckungen ihrer Oberschenkel sehen, dass Uma nicht mehr spielt. Sie hat die Kamera vergessen. Der Beleuchter ist weniger beeindruckt und hat sich in den Nebenraum verzogen. Er wird gerade nicht gebraucht, also macht er Pause. Und in der Pause liest der Beleuchter Die Israelis – Leben in einem außergewöhnlichen Land von Donna Rosenthal, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, „deshalb sei das Buch auch so günstig gewesen“, meint er zu mir.

Stellungswechsel. Ohne Kondom. Steve wichst sich wieder den Schwanz, und was er eben gemacht hat, macht er auch jetzt, das ist bei ihm die Technik, die Wiederholung, um durchzuhalten, um diesem Druck standzuhalten, der auf einem Darsteller liegt, der, wenn er versagt, schuld ist, dass der Dreh platzt und zehn Leute herumstehen und nicht mehr wissen, was sie tun sollen, der einen Haufen Geld verbrennt, weil er, der Darsteller, nicht kann. Man möchte da fast nicht hinschauen, wie er sich erneut in diesen geradezu hypnotischen Zustand hineinwichst, die Augen weit aufgerissen, die Pupillen seitlich nach oben verdreht. Und dann diese Stille am Set, nur seine ruckartigen Bewegungen sind zu hören, in der es wohl allen so ergehen mag wie mir, mit dieser Stimmung aus betretenem Schweigen und einer schwer zu definierenden Art der Achtung vor diesem Mann. Dann ist er wieder in dieser Welt. „Wir können.“

Die Soft-Version ist längst abgedreht. Dabei hat Steve den Orgasmus nur vorgetäuscht. Uma täuscht nichts vor. Sie kommt immer wieder, was sie mir in einer kurzen Pause mit gerötetem Gesicht auch bestätigen wird. In den Pausen wartet sie geduldig, bis Steve alles wieder im Griff hat, dann legt sie sich hin, wie Nils sich das wünscht, und Steve macht den Rest. Kurz nach zwei ist es inzwischen. Dann nochmal die Szene ohne Kondom. Das dauert noch mal eine Stunde. Dann erst ist es soweit: „Cumshot“, meint Nils.

Steve verfällt ein letztes Mal in seinen Zustand, was immer noch erstaunt, aber nicht, weil es überraschend käme, sondern eben immer wieder passiert. „Wir können“, meint Steve.
Nils schultert die Kamera. Steve spritzt auf Umas Gesicht. Nils filmt noch eine Weile. Die Frau leckt sich die Lippen. Nils: „Drehschluss!“ Drei Uhr.

Steve wirkt locker, entspannt. Er kann wieder lachen. Er ist froh. Die Szene ist gut. Er hat durchgehalten. „Das ist schwierig erst mit Kondom, dann ohne, dann wieder mit. Da fehlt der Rhythmus. Das Gefühl. Alles. Das ist wirklich schwierig.“

Erleichterung. Steve Holmes hat es geschafft. Im Raum nebenan liegt Uma auf einer Matratze. Eine halbe Stunde ist vergangen. Das Team baut die Scheinwerfer ab, rollt die Kabel auf, sammelt den ganzen Kram ein. Uma ist eingeschlafen.

Gestern war der Dreh in einem Swinger-Club in der Nähe von Augsburg. Morgen wird weiter in München gedreht, in der Wohnung eines Rechtsanwalts, dessen Familie nichts davon wissen darf, dass er Pornoleute in der Kanzlei drehen lässt …