Domina Sessions – Hinterhof-Dreh in Berlin Kreuzberg

TOM Report Serie: Porno in Deutschland»

Mittlerweile ist es Januar geworden. Vor ein paar Tagen meldete sich Hubertus Leischner. Er lädt mich ein nach Berlin. Bei der Firma Inflagranti wird ein SM-Film gedreht. Dabei stehen zwei Frauen im Mittelpunkt. Ein Domina-Dreh, meint Hubertus. Eine Frau wird gequält. Von einer anderen Frau. Das hat mir für mein Buch PORNO IN DEUTSCHLAND – REISE DURCH EIN UNBEKANNTES LAND gerade noch gefehlt. Damit habe ich von jedem Sub-Genre der Pornografie Dreharbeiten in Deutschland besucht. Hier also die letzte Folge, exklusiv zusammengefasst für TOM REPORT.

Domina Sessions - Hinterhof-Dreh in Berlin-Kreuzberg

Eine Woche später bin ich dann in Berlin. Etwas versteckt in einem Hinterhof in Kreuzberg, hat die Firma ihre Büros. Ich habe den Eindruck, als befände ich mich in einer Werbefirma. Fast alle Mitarbeiter sind um die dreißig, die Einrichtung ist modern, die Räume hell, die Küchenzeile mit der Espresso-Maschine neben den Schreibtischen.

An dem langen Flur, der den vorderen mit dem hinteren Büroteil verbindet, befindet sich ein kleiner Raum, in dem zahlreiche Kisten in bis zur Decke reichenden Regalen verstaut stehen. Sie tragen Aufkleber wie Latex Handschuhe M, Outfits Kiste 2, Hygiene zum Nachfüllen oder Nylon Neuware. Alles scheint bestens organisiert.

Heute ist Sonntag. Der Bürobetrieb ruht. Es wird eine Folge der Inflagranti-Reihe Domina Sessions gedreht: Die devote Salina wird sich in die Hände der dominanten Julia begeben.

Hubertus Leischner kommt mir entgegen. Für Inflagranti ist er der kreative Kopf. An die 300 Filme hat er inszeniert. Ein großer Mann mit fast kahlrasiertem Schädel, schlank, durchtrainiert, Anfang vierzig. Er hat die Gabe seinem Gegenüber stets das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein, egal wie groß der Stress auch gerade sein mag.

In den Räumen der Firma gibt es auch ein kleines Studio. Abgesehen von der Seite, an der Tim, der Kameramann, gerade die Technik einrichtet, sind die drei hohen Wände behängt mit einer Plane, die mit einer Art Fabrikmaschinen-Motiv bedruckt ist und eine Stimmung heraufbeschwört, die irgendwo zwischen coolem Design, technisiertem Alptraum und stilisierter Modern Times-Architektur angesiedelt ist. Entworfen hat es Hubertus. Es sagt auch etwas aus über das Selbstverständnis der Firma, die sich mit ihren Filmen eine Nische erobert und geschaffen hat, die tatsächlich zu etwas Besonderem in der Branche geworden ist. In den Filmen drückt sich ein Wille zur ästhetischen Komposition aus. Diese Art von Porno lebt die Neigung zu bestimmter Kleidung oder Material wie Leder, Latex oder Nylon aus. Hubertus, der Regisseur, nimmt sich Zeit. Für ihn besteht Porno weniger im cumshot – obwohl der als Legitimation und Genre-Norm dazu gehört, wie er sagt –, als  vielmehr in der Inszenierung sexueller Begegnungen, „bei denen die Darsteller zunehmend ihr Darsteller-Dasein vergessen sollen und im besten Fall zu Protagonisten einer Art Dokumentation echter Lust werden“, meint Hubertus zu mir. „Richtige Routine habe ich selten. Es sind immer Menschen, mit denen ich zu tun habe. Es ist immer wieder neu.“

Julia kommt aus Lettland. Mit 18 ist sie nach Deutschland ausgewandert, nach Bonn, hat dort als Aupairmädchen und Babysitter gearbeitet. 2001 ist sie nach Berlin und hat angefangen, mit Sex Geld zu verdienen. Heute ist sie 30, Porno-Darstellerin und Domina. Als man ihr bei einem Dreh eine Peitsche in die Hand drückte, war sie zunächst irritiert, als sie dann aber zuschlug, erlebte sie das als ihr „Erweckungserlebnis“. So, wie sie jetzt in der Kulisse steht, in ihren hochhackigen Stiefeln und dem enganliegenden Lederkostüm, mit einem ovalen, fast liebem Gesicht und langen, feingliedrigen Armen, wirkt sie mächtig und verletzbar zugleich.
Hubertus will anfangen. Auch Salina hat sich eingefunden. Sie erkennt mich wieder. Wir sind uns beim Dreh mit Vivian Schmitt begegnet. Dort spielte sie eine Frau, die mit ihrem Freund bei einer Erotik-Show auftreten will (und sich beim Dreh in schlechter Laune befand), heute ist sie das devote Mädchen, das ihrer Herrin zu jeder Gelegenheit Anlass geben soll, sie zu bestrafen.

Es geht los. Julia setzt sich mit ihrer Ledergerte auf einen Stuhl, eine Art Domina-Thron, und wartet darauf, dass Salina kommt, ihr einen Kaffee zu bringen. Die ganze Situation ist vollkommen unrealistisch. Es sind Fantasie-Figuren in einem Fantasie-Raum. Eine durch und durch stilisierte Kopfgeburt. Kleidung und Kulisse wie Science-Fiction-Atmosphäre. Salina muss Julia bedienen. Sie gibt ihr eine Tasse Kaffee. Erwartungsvoll nimmt Julia sie entgegen. Doch dann spuckt sie die Flüssigkeit angewidert aus.

„Der Kaffee schmeckt schlecht.“ Salina lacht. „War der kalt?“ „Das findest du wohl lustig? Ein Kaffee soll nach Kaffee schmecken und nicht nach Pisse.“ Klar, was dann passiert. Salina kassiert ein paar kräftige Schläge auf ihr Hinterteil. Salina kichert. Man merkt, sie will damit aufhören, kann aber nicht. „Ich glaube, du stehst darauf, bestraft zu werden.“

Weitere Schläge folgen. Der russische Akzent ist für die Rolle genau richtig. Er gibt ihr eine inquisitorische Strenge. Dazu kommt, dass Julia eher leise spricht. Eine wirkliche Herrscherin braucht keine Lautstärke, um sich Gehör zu verschaffen. Salina liegt über Julias Knien und hält sich mit den Händen an den Gitterstäben eines kleines Käfigs fest. Julia schlägt weiter. „Dein Arsch bekommt langsam eine schöne Farbe.“ „Ai Caramba“, meint Salina, die nicht mehr weiß, ob sie kichern oder sich den Hintern reiben soll.

„Was sagst du?“ „Ai Caramba!“ „Ah, Caramba. Und wie fühlt es sich an?“ „Schmerzfrei.“ „Schmerzfrei! Gute Antwort.“ Und Julia schlägt noch mal richtig zu. Das muss weh tun. Aber Salina kichert umso mehr. Sie hat sich da in einem widersprüchlichen Mechanismus verfangen. Die Situation ist auf die Erniedrigung angelegt, aber das kann man in seiner ganzen Willfährigkeit auch als komisch empfinden.

„Oh Scheiße …“ „Du kicherst ja wieder.“ „Autsch“, stöhnt Salina auf. Sofort schreitet Hubertus ein. „’Autsch‘ dürfen wir nicht sagen. Das geht nicht. Und weiter …“
Hubertus sitzt auf einem Stuhl, vor sich einen Monitor. Man kann sagen, er hat sich heute als Porno-Regisseur verkleidet, aber als einer, der sich als avantgardistisch versteht: braune, spitz zulaufende Lederstiefel, ärmelloses Unterhemd, enge Hose. Merkwürdig, warum darf man in einem Film, in dem es um sadomasochistische Praktiken geht, nicht „Autsch“ sagen?

„Der Schmerz darf  in einem Film, in dem es um Lust geht, nicht im Vordergrund stehen. Das sind die gesetzlichen Vorgaben. Salina tut es zwar weh, aber das darf nicht gesagt werden, deshalb muss die Betonung auf der Lust liegen, und auch wenn diese durch den Schmerz hervorgerufen wird, darf nicht rüberkommen, dass es wirklich schmerzt.“

So sind die Bestimmungen. Und das führt zu solcherlei Verrenkungen. Für den SMler liegt ja im Schmerz gerade der Reiz, er ist es, der die Lust verursacht, aber im Film darf er als das auslösende Moment nicht gezeigt werden, zumindest muss sein Dasein auf der rein augenscheinlichen Ebene beschränkt bleiben und darf nicht geäußert, also als Empfindung deutlich werden.

Kurze Pause. Die Maskenbildnerin kommt herbei und macht sich an der Sohle von Julias Stiefeln zu schaffen. Sie werden mit Haarspray eingesprüht, was verhindern soll, dass Julia mit den Stiefeln auf dem glatten PVC-Boden ausrutscht.

Sie wird Salina nun mit Wäscheklammern traktieren. Langsam, fast wie bei einem Ritual, werden sie an Zunge und den Brüsten festgeklemmt. Das Kichern von Salina ist leiser geworden, aber immer noch bricht es durch, was Julia dazu antreibt, noch mehr Klammern an die Brust zu setzen. „Wenn du etwas lustig findest, dann lach auch“, ermuntert Hubertus Salina.

Im Grunde ist dieses Kichern ein Geschenk, eine Reaktion, die man gar nicht hoch genug ansetzen kann. Warum? Hubertus sagt mir, dass es ihm darum gehe, mit seinen Darstellern gegen die der Pornographie eigenen Klischees anzukämpfen. Und das ginge nur, wenn die dargebotenen Empfindungen sich nicht nach den Vorgaben des Genres richten, sondern eher auf eine Persönlichkeit schließen lassen. Wenn Salina als Reaktion ihr Kichern vernehmen lässt, dann ist das ein Beleg für die Unmittelbarkeit ihrer Empfindung. So etwas kann man nicht erfinden. Es entzieht sich der Kalkulation. Dieses Kichern steht für Echtheit und macht diesen Film zu einem Unikat. Egal, ob man nun darauf steht, wenn zwei Frauen einen SM-Reigen tanzen. Es geht um das Erhaschen eines Augenblicks, der echt ist.

„Ich bin nass“, meint Julia, grinst zufrieden und blickt auf die fünf Wäscheklammern in Salinas Brüsten. Die von der Zunge nimmt sie und setzt sie auf ihre Nase. Das alles dauert viel länger, als man bei diesen Beschreibungen vermuten könnte. Jede Klammer wird behutsam gesteckt, die Stelle sorgfältig ausgesucht, eine andere Klammer auch wieder abgenommen. Hubertus hockt vor dem Monitor und lächelt. „Ein schönes Bild.“

Noch mal eine Pause. Käsebrote werden gereicht. Salina nimmt sich eins und steht jetzt da, ihre Brüste gespickt mit zehn Wäscheklammern und isst ein Käsebrot. Julia betrachtet nicht ohne Stolz ihr Werk.

Obwohl SM in der Pornographie nur als eine eher kleine Galaxie in Erscheinung tritt, sind ihre Sterne am Firmament der Porno-Bilder doch von außergewöhnlich unterschiedlicher Strahlkraft. Kaum ein pornographisches Subgenre ist variantenreicher. SM setzt sich bewußt vom so genannten „partnerschaftlichen Miteinander“ ab . So drängt sich eine lapidare Frage auf: Welche Formen des Sex sind denn überhaupt gleichberechtigt?

Julia und Salina sprechen sich jetzt ab. Salina hat sich nun hinzuknien und die Schenkel zu spreizen. An ihre Schamlippen hängt Julia mit zwei metallenen Klammern kleine Gewichte. Aus dem Büro ein paar Meter weiter hört man Patrick, den Produktionsleiter, telefonieren, so dass Hubertus mit einem Zuruf für Ruhe sorgen muss. Vor acht Jahren hat Hubertus bei Inflagranti angefangen. Die Szene der Werbegrafiker war ihm schlicht zu eitel. Als gelernter Grafiker entwirft er hier nicht nur die meisten Cover, sondern schreibt auch die Texte dazu.

Domina Sessions - Hinterhof-Dreh in Berlin-Kreuzberg„Die Spießigkeit heute ist viel größer als in den 70er Jahren. Zum Beispiel darf ich bei den Texten für die Cover Formulierungen wie ‚junge Frauen‘ nicht mehr benutzen. ‚Luder‘ oder ‚Schlampe‘, das geht, aber ‚jung‘ oder ‚Mädchen‘ geht nicht. Die Missbrauchsangst wird allem übergestülpt. Ich glaube, die Gesellschaft hat Angst vor ihren so genannten perversen Abgründen. Denn Sexualität ist ihrem Wesen nach immer machtgefährdend. Als nackter Mensch bist du angreifbar, verletzbar, du setzt dich der Verurteilung aus. Gleichzeitig aber kennt Lust keine Moral. Ich finde es bemerkenswert, dass zu den Gang-Bang-Drehs von Inflagranti immer wieder Frauen kommen, die das einfach mal ausprobieren wollen. Die haben Mut.“

Zurück zum Set: Julia nötigt Salina, den Dildo zu lutschen, den Tim eben aus der Kiste gefischt hat. Julia steckt den Dildo in Salinas Vagina und schlägt ihr dabei auf den Hintern. Eine gute Situation, weil sie verdeutlicht, was bei Inflagranti immer wieder aufs Neue durchdekliniert wird. Pornographie wird der Vorwurf gemacht, sie zementiere das traditionelle Geschlechtergefälle von Mann und Frau, von Oben und Unten, von Dominanz und Unterdrückung. Hier nun wird versucht, diese klassischen Rollenzuweisungen durch neue geschlechtliche Beziehungs-Arrangements aufzuheben – wobei das Gefälle bleibt und bisweilen ins Groteske abgewandelt wird, so dass es nicht mehr um das Geschlecht der Protagonisten geht, sondern um die Variationen, die aus dem Gegensatzpaar Macht/Ohnmacht ableitbar sind. Insofern gleicht SM einem Experimentierkasten, mit dem die Geschlechterrollen so lange durcheinandergewürfelt werden, bis sie sich vom Geschlecht abgelöst haben und tradierte Rollenzuteilungen nicht mehr gelten. Rolle ist dabei immer weniger an Mann oder Frau gebunden.

Der Dreh mit Julia und Salina ist beendet. Im Büro haben sich schon die beiden nächsten Darstellerinnen eingefunden. Gleich wird im selben Set noch eine weitere Episode für die Reihe Domina Sessions gedreht. Beide zusammen ergeben dann eine DVD. Der Ablauf wird ähnlich sein: wieder zwei Frauen, wieder wird die eine von der anderen unterworfen werden. Mit kleinen Änderungen im Geschehen: ein Gitterkäfig wird zum Einsatz kommen.

Julia hat ihre Kostümierung abgelegt, Jeans und Pullover angezogen. Plötzlich wirkt sie viel kleiner, hübsch, aber unscheinbar, und man kann sich denken, was einer der Gründe dafür sein mag, dass sie als Domina vor die Kamera tritt: bigger than life. Lächelnd erzählt sie von ihren Privat-Sklaven, drei an der Zahl. Einen fürs Putzen, den anderen fürs Kochen, den Dritten fürs Autofahren. Ein Anruf und der jeweilige Mann steht vor der Tür, stets zu Diensten. Aber sie sei eine liebe „Domse“, meint Julia, und ich glaube ihr das auch.

Hubertus Leischner meint, es gäbe Momente, in denen er befürchte, zum bloßen Dienstleister zu werden, der sich an den Bedürfnissen erfolgreicher Produktionen auszurichten hat und dabei – ohne es zu bemerken – immer mehr vergisst, sich auf den konkreten Augenblick mit den individuellen Menschen zu konzentrieren. Vielleicht ist das der Grundwiderspruch eines ambitionierten Porno-Regisseurs, dass er eine eigene Vorstellung von Sexualität hat, aber gleichzeitig für einen Markt arbeiten muss, der ganz andere Interessen bedient haben möchte.

Ich gehe über den Mehringdamm, nicht weit entfernt vom stillgelegten Flughafen Tempelhof. Sonntag, früher Abend. Wieder liegt ein Porno-Dreh hinter mir. Anders als vielleicht bei Dreharbeiten für konventionelle Filme, ist hier nicht allein das Produkt, sondern auch der Dreh selbst eine außergewöhnliche Situation. Es geht ja auch immer um eine Sache, die sonst nirgends mit einer solchen Intensität, aber auch Gelassenheit betrieben wird. Befinde ich mich dann wieder auf der Straße und sehe und erlebe diese auf jeden Moment hin ausgerichtete Normalität, gerät irgendwo in mir etwas ins Schwanken und erfüllt mich mit Erstaunen über das, was man unsere Alltagsexistenz nennen könnte.

Dies war für TOM REPORT die letzte von zwölf Stationen meiner Reise. In dem Buch PORNO IN DEUTSCHLAND – REISE DURCH EIN UNBEKANNTES LAND gibt es insgesamt 23 Stationen. Ich beschreibe dort nicht nur Dreharbeiten zu 12 verschiedenen Sub-Genres der Pornografie, sondern erzähle auch alles, was man zur Historie des deutschen Pornos, den wirtschaftlichen Zwängen, der Zensur, den vielen Frauen und Männern sowie den ästhetischen Notwendigkeiten und Herausforderungen des Genres wissen muss. Es ist eine Art Standard-Werk zum deutschen Pornofilm geworden, auf 300 Seiten, mit 43 Fotos, erschienen im Münchener Belleville-Verlag.