Die liegenden Legenden sind müde

Fernsehkritik: „Lustlos – die Erotik-Industrie in der Krise“ aus der Reihe SpiegelTV Nachtclub (VOX)

Für Kaufleute gehört bekanntlich Stöhnen zum Handwerk. Natürlich gilt dieses ungeschriebene Kaufmannsgesetz gerade auch für die Sexindustrie, die, wenn man nur die nackten Zahlen sprechen lässt, tatsächlich hohe Umsatzeinbußen bei Dildos, DVD-Verkäufen, Damenunterwäsche und Dirnenbesuchen hat hinnehmen müssen. Die Dokumentation porträtiert die aktuellen Fäulnisprozesse in der Branche zunächst mit einem Besuch bei der Berliner Erotikmesse Venus, die ihre glamourösesten Zeiten schon seit Längerem nachtrauert. Mit Porno-Ikonen aus den guten alten Zeiten, die selbst schon lange nicht mehr die Beine fürs breite Publikum öffnen, versucht man etwas Glanz in die verstaubte Hütte zu zaubern. So kündigt der Hallensprecher die keinesfalls schmallippige Dolly Buster mit den Worten an: „meine Herren, eine liegende Legende.“ Leider ist das Gros des Publikums diesem netten Wortspiel intellektuell nicht gewachsen.

Frau Buster findet den Kontakt mit den Fans natürlich super-interessant. Die Fans grapschen ihr an den Busen, fotografieren sie als ob sie zu einer kurz vorm Aussterben bedrohten Tierart gehörte und rücken ihr mächtig auf die Pelle … und Frau Buster bezeichnet all dies als super-nette Begegnungen. Wenn eine Kamera läuft, muss man halt die Erwartungshaltung des Publikums erfüllen.

Den filmischen Sexmarkt beherrschen heute nicht mehr die Profis, sondern die Laien. Dementsprechend wäre es wohl viel richtiger davon zu sprechen, dass noch nie so viele Pornos gedreht wurden wie heute und das es noch nie so viele Pornodarstellerinnen gab wie heute. Nur eben ist das heute zumeist die Hausfrau oder die Freundin, die das noch nebenbei zum Abbau der Schulden oder für ein paar gewünschte Zusatzanschaffungen macht. Diese Filme werden für seit wenigen Jahren existierende Portale produziert, wo jede Frau, jedes Pärchen ihre eigenen Pornowerke aus dem Wohnzimmer ins weltweite Netz unter Aufgabe ihrer Intimsphäre einstellen kann. Große Kunst ist es meist nicht, aber es ist authentisch. Und genau danach sucht der heutige Konsument. Die Portale machen Millionenumsätze, wovon die Privatfilmer lediglich 25 bis 30 Prozent als ihren Anteil ausgezahlt bekämen.

Zu Gast bei einem Hurenportal in Deutschland, das von einem gelernten Gas-Wasser-Scheiße-Installateur gegründet und noch heute geleitet wird. „In schlechten Zeiten machst du natürlich mehr Werbung“, deshalb verdient er immer noch ganz gut. Angeblich hätte sich laut Polizeistatistik die Anzahl der Huren in den letzten Jahren nahezu halbiert, weil die Geschäfte so schlecht liefen. Ich glaube eher das Gegenteil, das sich in Krisenzeiten viel mehr Frauen prostituieren, nur werden die weder beim Finanzamt noch bei der Polizei jemals aktenkundig. Und dann lernen wir zwei Mustermädels aus dem Hurenportal kennen, die von Hartz-IV auf Hure umsattelten. Ihre Zukunftspläne umreißt eine der Frauen so: „Ich möchte gerne bekannt werden und irgendwann als Pornostar arbeiten.“

Einem Sexmöbelhersteller dürfen wir kurz bei der Arbeit auf die Finger schauen und er antwortet als Begründung für seine stets steigenden Umsätze mit dem Bonmot: „Momentan kaufen sich die Leute lieber einen neuen Käfig als ein neues Auto.“

Das Bordell von nebenan ist out, große Wellness-Tempel, in denen neben Saunieren noch Sexkontakte geknüpft werden können, sind in. Im Eintritt ist das Büffet, normales Sprudelwasser und missionierender Null-Acht-Fünfzehn-Sex schon mit drin; manchmal muss Letztgenanntes auch exklusive und muss mit den unternehmerisch selbständigen Frauen separat ausgehandelt werden. Dieses unternehmerische Konzept geht zurzeit auf und gestattet auch den Herren mit Renommee seine Mußestunden in dieser Clubatmosphäre zu verbringen. Der Chef des Hauses wartet mit einer steilen These auf: „In zehn Jahren gibt es nur noch solche Häuser. Straßenstrich, Terminwohnungen, überhaupt jede Form der Sexdienstleistung, die nicht transparent ist, hat auf dem Markt bald keine Chance mehr.“

Die gute alte Videokabine, mit den Wahlmöglichkeiten aus Hunderten von Pornos, mit Schnellvorlauf, mit Standbild-, mit Zeitlupenknopf, ihn gibt es noch. Aber er leidet seit dem Internetboom unter Wichserschwund. Zu besichtigen ist so eine Videokabine, die sich auf den neuesten technischen Stand befinden, noch im Berliner Sexmuseum von Beate Uhse, zwischen dem Nobel-Hotel Waldorf-Astoria und der Bahnhofsmission am Zoo. Schnell noch hingegen, denn man plant ein Entschmuddlungskonzept, nach dessen Umsetzung die ausrangierten Kabinen endgültig ins Museum wandern.