Titten bis zum Tot – Geschäftsmodell oder Lebenswerk?

Fernsehkritik: „Ein viel zu kurzes Leben – der Fall Sexy-Cora“ (RTL2 – wo sonst)

Sexy CoraWohldurchdacht platzierte der Fernsehsender für Grobiane eine Folge von „Höllische Schönheits-OPs“, die nicht gerade als Promotion für die Chirurgie am Selbstbewusstsein durchgeht, bevor man sich ausführliche neunzig Minuten lang intensiv dem wichtigen Wirken von Carolin Wosnitza für Deutschland widmet. Carolin Wosnitzas Silikonbrüste wurden bekannt unter ihrem Künstlernamen Sexy-Cora.

Düstere Klaviermusik und Männer mit Tränen in den Augen, die mit erstickter Stimme ihrer Traurigkeit über den Tod der Pornodarstellerin Ausdruck verleihen, so beginnt diese Dokumentation. Leider fehlt es den Interviewten an einem elaborierten Sprachcode, sodass sie außer Banalitäten keine harten Fakten vermitteln. Die Absicht ist überdeutlich, der Reporter versucht mit den gezeigten Emotionen die Tränendrüse der Fans in den Fluss zu bringen. Wer war Sexy-Cora überhaupt?

Eine dreiundzwanzigjährige Imitatorin von sexuellen Nöten, die sie auf zahlreichen Erotikportalen, in über zweihundert Filmchen und auf Messen mit ihren gemachten Titten auszudrücken verstand, wodurch sie zu einer Männerversteherin avancierte. Innerhalb von drei Jahren steigt sie auf zum „angrapschbereiten Star“ auf, der für jeden Fan zu haben sei.

Die jugendliche Carolin macht auf den Fotos einen eher schüchternen Eindruck und selbst im ausgewachsenen Zustand mag man eine exorbitant erotische Ausstrahlung nicht erkennen, was sich jedoch nach der Wasserstoffblondierung, der hautfüllenden Tattooisierung und der Unterfütterung ihres Brustmuskels radikal ändern sollte.

Busen OPAn der Kunstfigur Cora, mit all ihren Verschönerungen, hat ihr Ehemann Tim einen wesentlichen Anteil. Die fünfte Brustvergrößerung endet tragisch. Sie stirbt.

„Es geht mir nicht um die Aufrechterhaltung des Geschäftsmodells, sondern um ihr Lebenswerk“, rechtfertigt sich der junge Witwer, weil er kurz nach ihrem Tod eine neue Porno-DVD mit ihr auf dem Markt platziert. Stolz erzählt er weiter, dass man von 2007 bis 2010 jeweils die bestverkaufteste DVD in Deutschland war. „Das passiert ja nicht, weil man Glück hat. Das passiert, weil du dir auch Gedanken über so ein Produkt machst.“

Im weiteren Interview zeigt sich Tim als cleverer Geschäftsmann, der es mit einem Live-Cam-Portal, mit einer Videoproduktionsfirma inklusive Vertrieb und vielen anderen Aktivitäten auf dem Erotiksektor zu Reichtum brachte.

„Bereits wenige Tage nach der Beerdigung von Carolin begann er, ihre privaten Kleidungsstücke, wie Unterwäsche, Schuhe oder selbst gemalte Bilder bei Ebay zu verhökern. Und es lief. Der Gipsabdruck ihrer Brüste brachte satte 2990 Euro. Seine Sexy-Cora und er waren einfach das perfekte Team“, so schrieb es die Bild-Zeitung.

Nachdem wir einem anderen aktuellen Pornosternchen beim Arbeitsalltag zuschauen dürfen, gibt es in der Doku einen harten Cut und wir wandern auf den Spuren der Vergangenheit von Sexy-Cora. Geboren als Carolin Ebert verbrachte sie ihre Jugend in Nordwestmecklenburg. Sie hatte in der Schule „echt immer gute Noten“, wie ein Verwandter vor der Kamera bestätigt. Ihren späteren Ehemann Tim lernt sie in der Dorfdisco kennen und sie ziehen gemeinsam in die große Welt, also nach Hamburg. Sie arbeitet kurz in der Herbartstraße und dreht dann mehr als Gag ein kleines Video, stellt es ins Internet ein und verdient damit 50,00 Euro. Damit war die Lunte für ihre weitere Karriere gelegt. RTL2 interviewt eine junge Frau, die so sein will wie Sexy-Cora und aktuell als Webcamgirl arbeitet, da sie dies für sich als echte Berufs-Chance betrachte.

Sexy CoraDen Erfolg von Sexy Cora dürfte sie vor allem auch ihren sehr medienwirksamen PR-Aktionen zu verdanken haben: 2009 beim Weltrekordversuch im Oralverkehr in einem Kino auf der Reeperbahn (bei Blowjob Nummer 75 geht ihr dann die Luft aus), 2010 beim Einzug ins Big-Brother-Haus („ach so, du drehst Pornos – na, da muss man ja nicht viel können außer Beine auseinandermachen“, gesteht sie einem Mitbewohner unter Tränen), beim Musikvideo als Tänzerin, beim Discoauftritt als Sängerin.

Einen interessanten Einblick in die Carolin, die noch nicht Sexy Cora war, bekommen wir in ihrem Tattoostudio, wo die Betreiber zu berichten wissen, dass sie mit 18 ein hübsches Mädchen mit straffer Haut und kleinem Busen gewesen sei, doch das hätte ihr alles noch nicht gereicht. Es musste immer noch ein Tattoo sein. Und dann begannen immer weitere Körperveränderungen bis zu den größeren Brüsten. Aus Körbchengröße B wird F.

Was sagt die Psychologin? „Sie war in einer Branche, wo die Notwendigkeit bestand unter den Gleichen besonders herauszustechen. Sie wollte auffällig sein, sie wollte auffallen.“

Vier Tage vor ihrem tödlich endenden OP-Termin ziehen Tim und Cora in eine Luxusvilla, für die sie offensichtlich problemlos fast 700.000,00 Euro zu zahlen bereit waren. Ein Kinderzimmer ist vorgesehen und im Grunde haben sie schon ihr Karriere-Ende vor Augen, wenn sie schwanger werden sollte. Alles hätte so gut enden können. Doch es kam, wie bekannt, ganz anders. „Ich hab die meisten Räume im Haus abgeschlossen, ich benutz eh nur das Schlafzimmer, die Küche und das Bad. Alles andere hab ich abgeschlossen und denk mir halt einfach, da ist ja nichts dahinter“, erläutert der Witwer seine gewöhnungsbedürftige Strategie, um mit dem Tod seiner Frau umzugehen.