Im Interview: Howard Chance – Publizist und Bohemien

howardchanceCARLOS: Hallo Herr Chance, schön Sie einmal persönlich zu treffen. Wir sitzen hier auf der neuen Terrasse im Steigenberger Parkhotel Düsseldorf, daher ist meine erste Frage: Lieben Sie Luxus?

HOWARD: (lacht)… Mensch Carlos, wollen wir nicht so förmlich sein. Du kannst ruhig Howie zu mir sagen, einfach ganz geschmeidig. Was Deine Frage betrifft: Man(n) gönnt sich fast sonst nichts! – Im Steigenberger habe ich mit meinem Freund Lindner schon so manche frivole Party gefeiert, und als nun die neue Terrasse eingeweiht wurde, mußte ich mir das doch einmal anschauen. Bislang fand ich in Düsseldorf das Interconti besser, aber für den Nachmittag ist die Steigenberger-Terrasse nun meine Nummer 1. Ich habe einen durchaus dekadenten Charakter, mag Luxus … kann aber auch ohne. Barfuss oder Lackschuh, je nach Lebenssituation. Am liebsten halte ich es wie Oscar Wilde: „Ich habe einen einfachen Geschmack. Ich bin immer mit dem Besten zufrieden!“ – Aber: Das Beste muß nicht unbedingt „materiell“ sein…  By the way … Carlos, schau Dich mal um: Hier sitzen schon nachmittags um 16 Uhr mindestens 5 Escort-Ladies mit ihren Kunden auf der Terrasse.

CARLOS: Ach, das sind gar keine Ehepaare…(lacht) ?. Außerdem sind wir ja heute hier, um über Dein Buch zu sprechen und nicht, den hübschen Frauen hinterherzustegen. Das Erste, was mir auffällt, ist der Titel: „Der Kondomsammler“. Was hat es mit diesem Titel auf sich? Bezieht er sich vielleicht sogar auf Deine eigene Person?

HOWARD: Na, Kondome mußte ich bislang zum Glück noch nicht einsammeln und hoffe, dass ich diese besondere Aufgabe nie übertragen bekomme. Volle Kondome sind schon ziemlich eklig, vorallem, wenn sie sich durch die eingelegte Soße so schön dunkel verfärben! – Aber lassen wir das! – Der Buchtitel ist bewußt provokativ, obwohl der Protagonist „Kondomsammler“ durchaus mit einer „lebendigen“ Story vertreten ist: ein Vogel, der Swingerclubs gefüllte Kondome abkauft, um mit dem Inhalt Süßspeisen oder Tee zu verfeinern.
Einer von bestimmt 100 skurrilen Personen aus der Swingerszene, die im Buch humoristisch bis kritisch betrachtet werden. Ich bin Anekdoten-Sammler, kein Kondomsammler. Sponsoren-Anfragen sind also zwecklos.

CARLOS: Jedes Buch besitzt ja eine Absicht, der Autor will damit den Lesern etwas vermitteln oder den Leuten etwas sagen. Was will „Der Kondomsammler“ den Menschen im Lande vermitteln?
Ich kann die Frage auch anders formulieren: hat das Buch eine Botschaft oder ist es einfach nur Unterhaltung?

howardboxtHOWARD: Es geht absolut „nur“ um Unterhaltung. Es ist also weder ein Sittengemälde, noch ein Mahnwerk mit erhobenem Zeigefinger. Ich habe diverse Begebenheiten aufgezeichnet, die sich in über 20 Jahren Tätigkeit im Swingermilieu ereignet haben, lustige Begebenheiten, extreme Ereignisse, denkwürdige Schmankerl. Mit dem deutlichen Zwinkern im Auge und (hoffentlich) ohne trocken zu laufen. Ich denke, ein solches Buch kommt auch ohne Botschaft aus.

CARLOS: Fragen wir doch mal direkt: Was ist das Tollste an Deinem Buch? Was ist Dir am besten gelungen?

HOWARD: Das müssen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden! – Ich mag einige Geschichten besonders, aber die Geschmäcker und Veranlagungen sind nun mal verschieden. Und ob es „toll“ ist, mißt sich nun auch am Erfolg.

CARLOS: Ich bin kein Buchautor, aber wie stark spielt der Aspekt eine Rolle, dass Geschehnisse, die irgendwann mal passiert sind, einfach nicht der Vergessenheit anheimfallen? Wie weit wird durch das Schreiben auch ein Stück Unsterblichkeit angestrebt?

HOWARD: In der Tat … man vergißt jeden Tag ein Stück des Lebens. Die Memory-Speicher werden ständig neu überschrieben und vieles aus der Vergangenheit ist schnell aus der Erinnerung. Wenn man Erlebnisse in einem Buch festhält, hat das durchaus Wiedererinnerungswert. Irgendwann kann man dann mal nachlesen, was sich in früheren Zeiten ereignet hat. Dann kann man plötzlich wieder parlieren, wie die alten Männer, die in meiner Jugend vom Krieg erzählten.

CARLOS: Du bezeichnest Dich selber als Publizisten und Bohemien. Publizist verstehe ich, Bohemien ist schwieriger. Ich weiss, dass dies Menschen sind, die eine freie, unangepasste Lebensführung gegen die Normen der Gesellschaft führen und dabei auch Provokationen in Kauf nehmen oder sogar aktiv herbeiführen.  Stimmt das so für Dich oder wie würdest Du den Bohemien in Dir beschreiben ?

howardsteigenbergerHOWARD: Der Bohemien ist ein künstlerisch veranlagter Mensch, der die gesellschaftlichen Normen durchaus in Frage stellt und sich nur schwer in die üblichen Abläufe des Lebens
einfinden kann. Ein wenig Provokation, eine getriebene Lebensweise, intellektuelle Reflexion, manchmal ein bisschen Schwermut und eine aktive sinnliche Lebensweise gehören dazu.
Daher kann ich niemals Beamter oder Bediensteter sein, weil dies meine Denk- und Lebensweise einschränken würde. Ich bin auch ein bisschen Nomade, wenn auch auf gehobenem Niveau. Das hat natürlich Vor- wie Nachteile! – Trotz dem Hang zur „Kunst“, muß man(n) ja auch seine Brötchen verdienen und dabei Kompromisse eingehen. Während „Publizist“ schon staatstragend klingt, ist der „Bohemien“ für mich die Entlastung. Ich habe mir dieses besondere Attribut übrigens nicht selbst gegeben. Das war ein alter Pfarrer in meiner Heimatstadt,
der meinen „gemischten“ Lebenswandel nur schwer verdauen konnte und mich fortan als Bohemien im positiven Sinn bezeichnete.

CARLOS: Wie stehst Du zum Leben, zum Sterben und zur Unsterblichkeit?

HOWARD: Oh. Das ist aber eine sehr komplexe Frage. Das klingt sehr philosophisch, aber egal. Ich mache ja schließlich nicht nur in Spaß-Literatur, sondern habe mich als alter Akademiker durchaus auch mit den vermeintlich ernsten Themen des Lebens beschäftigt. Ich denke, Du willst es kurz?

Das Leben ist ein zeitlich beschränktes Geschenk, das man besonders zu schätzen weiß, wenn es beeinträchtigt oder gefährdet ist. Es unterliegt den Gesetzen des Universums, einer irgendwie gearteten göttlichen Ordnung und muß jeden Tag aktiv neu gelebt werden. Das Sterben ist naturgegebener Bestandteil des Lebens und (sofern es nicht wehtut) für mich wenig bedrohlich. Vergänglichkeit setzt ja biologisch schon mit 30 Jahren ein, wobei dies Körper und Geist gleichermaßen betrifft. Unsterblichkeit klingt hingegen unerfreulich, wenn man es auf
das Konstrukt „fehlerhafter Mensch“ bezieht. Will wirklich jemand „ewig“ leben? – Dies würde bedeuten dazu verdammt zu sein „immer“ zu existieren. Ist der Schluß da nicht irgendwann eine Entlastung? – Aber, Carlos: Wie kommst Du bloß auf solche Themen … da gibt es Philosophen, die es sicher präziser auf den Punkt bringen können. Wenn Du möchtest, stelle ich gerne einen Kontakt her …

CARLOS: Kommen wir zurück zu realeren Aspekten. Denkst Du, das Buch wird ein kommerzieller Erfolg? Und falls ja, wie könnte man Erfolg hier definieren? – Denn, sorry, so viele Bücher wie Dieter Bohlen oder jetzt Boris Becker dürften dann ja doch nicht verkauft werden.

sammlergrossHOWARD: Buch-Verkaufszahlen sind gut gehütete Geheimnisse. Gerade erotische Literatur hat in den vergangenen Jahren den Buch-Markt belebt. „Shades of Grey“, „Feuchtgebiete“ und Co. haben der seriösen Literatur ganz schön contra gegeben und die Autoren durchaus bereichert. Bei 200.000 Neuerscheinungen in Deutschland ist es überhaupt schwierig auf dem Markt zu punkten. Kommerzieller Erfolg fängt bei ca. 5.000 verkauften Exemplaren an. Die werden wir beim „Kondomsammler“ sicher erreichen, aber in die Bestseller-Listen werden wir es damit wohl nicht schaffen. Müssen wir auch nicht. Erfolg ist, wenn einige Leute ihren Spaß mit dem „Werk“ haben. Ich sehe das ganz entspannt.

CARLOS: Wer das Buch bestellen möchte, kann dies gerne über diesen link machen ! Kommen wir noch mal zum Menschen Howard Chance. Was sind Deine nächsten Ziele und Pläne?

HOWARD: Zwinker. Wenn ich das mal wüßte! – Ich schreibe gerade an 2 neuen Büchern, wobei die Erscheinungstermine noch nicht feststehen. „Asphaltblumen“ wird ein Roman aus dem Rotlicht-Mileu mit durchaus autobiografischen Bezügen. Das zweite Buch „Gangbang-Republik“ ist ein Sachbuch nebst Sittengemälde. Da ich ja noch andere „Berufe“ habe, dauert die Schreiberei manchmal etwas länger. Prinzipiell lege ich mich nicht mit Zielen und Plänen fest. Diese können sich täglich ändern. Bei „Freigeisten“ ist das grundsätzlich so. Wahrscheinlich werde ich 2014 nach Mallorca übersiedeln … vorgezogene Rente!

CARLOS: Hast Du auf Malle dann auch ein Gästezimmer für einen altersschwachen Erotikreporter?

HOWARD: Nun kommen mir ja fast die Tränen. So klapprig kamst Du eben doch nicht ums Eck! – Das sind wahrscheinlich Deine Weibergeschichten, die Dir die Energie rauben? (prustet). Du solltest mal die Stellung wechseln: von „Hengst“ auf „Berittener“. Dann klappt es auch weiter mit dem Rücken und den Knien. Wenn auch das nicht hilft, hat Sport Scheck die Golf-Junior-Ausrüstung für kleines Geld im Programm. Du bist bei mir auf Mallorca natürlich jederzeit herzlich willkommen! – Hauptsache: Du bringst nette Mädels mit, die für uns Kochen und die Bude in Schuß halten. Und: bitte keine Transen! – Die sind so übel anstrengend … und tragen selten adäquate Badehosen.

CARLOS: Weibergeschichten ? Nee, nee, lass mal, das überlass ich gerne Dir! Nicht , dass ich noch um meine unsterbliche Seele bangen muss…(lacht). Aber wo wir bei dem Thema sind: Du bist seit über 20 Jahren beruflich im Erotikgewerbe unterwegs. Hast Du persönlich überhaupt noch Spaß am Sex? – Oder spielst Du schon Golf?

HOWARD: Eine durchaus berechtigte Frage. Früher habe ich mir ja mal die kommerzielle Schiene gegeben.
Man(n) muß ja fast alles mal ausprobieren. Aber das ist lange her. Ich sehe immer noch fast jeden Tag nackte Tatsachen, aber das ist in der Regel so aufregend, wie Schuhe einkaufen. Auf „Gangbang“ und ähnliches kann ich nicht und „Swinger“ bin ich auch nicht (mehr). Für Golf ist es noch ein wenig früh! – Ich betrachte mich tendenziell als „monogam“, was gelegentliche Entgleisungen aber nicht ausschließt. Ich denke übrigens, dass Sex generell überbewertet wird. Besser einmal im Jahr ein Inferno, als täglich die profane Pflichtnummer!

CARLOS: Du hast mir versprochen, dass unsere Leser in der nächsten Zeit Ausschnitte und Extrakapitel zu lesen bekommen. Dafür bedanke ich mich schon einmal an dieser Stelle!
Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche viel Erfolg innerhalb und außerhalb der Schriftstellerei.
Und wer jetzt neugierig geworden ist auf den Autor und Menschen Howard Chance, findet auf seiner Webseite mehr Informationen.

HOWARD: Ich danke Dir! Außerdem muss ich jetzt dringend auf der Terrasse schauen, was so geht !