Interview mit dem Erotik-Zeichner Anton

Reporter: Hallo Anton. Sex ist etwas sehr persönliches, doch scheint es überall verfügbar. Es gibt nur wenige Menschen, die sich so viel persönliche Freiheit nehmen ihre Sexualität wirklich offen auszuleben. Wie hat das bei dir begonnen? Mit wieviel Jahren war dein erstes Mal?

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Anton: Ich bin in Moskau groß geworden – in den „glücklichen, sozialistischen Zeiten“. Mein erstes Mal genau zu definieren, ist sehr schwer. Ich will gleich erklären, warum das so ist. Es gab in unserer Teenagerkultur so Treffs in Wohnungen, das fing vielleicht mit 14 Jahren an, wo manche Leute plötzlich miteinander auf dem Klo verschwanden – mal für kurze, mal für längere Zeiten. Da wurde dann gefummelt. Tja, war das schon mein erstes Mal?

Später war ich dabei, wie sich eine Gruppe erwachsenere Jungs ein Kellergewölbe unter den Nagel rissen, legten Strom rein, verlegten ein Telefonkabel (Anmerkung des Reporters: das ist die geldsparende, russische Methode). Das war wirklich ein toller Treffpunkt. Da waren dann immer viele Mädels, die nicht viel zu tun hatten und die bereit waren für gewisse Erlebnisse. Das endete später alles mit einem großen Polizeiaufgebot, bei dem man uns schnappte. Danach musste ich meinen Eltern schwören, nie mehr wieder sowas zu machen. Ich war ja immer ein sehr braver Junge.

Das richtige erste Mal fing mit fast sechszehn an. Ich war auf einem Schüleraustausch in Amerika, wo ich mit einer ganzen Gruppe Kunstinteressierter hinflog. Wir lebten in einem Campus, wo ich ein Verhältnis mit unserer Lehrerin begann. Sie war damals 28 Jahre, für Leute meines Alters ein Alien, so alte Leute kann man ja eigentlich gar nicht verstehen. Die Frau war in mich verliebt und es war sehr heiß.

Reporter: Also von so einem tollen ersten Mal habe ich ja noch nie gehört. Da wird man ja neidisch.

Anton: Das war richtig romantisch, mein erstes Mal. Es war im Hotel, sie hat noch Amaretto für mich besorgt. Ich war nicht besoffen und sehr aufmerksam. Sie vertraute mir davor an, wenn es rauskäme verlöre sie ihren Job und hätte womöglich noch einen Prozess zu erwarten. Sie war sehr natürlich. Weißt du, wenn es zwei Menschen miteinander machen wollen, finden sie immer einen Weg.

Reporter: Wann hast du dich erstmals zu sowas wie einem Gangbang oder Bukkake getraut?

Anton: Ich war im Internet auf der Suche nach einer Swinger-Community, wo ich auf die Seite der Wichsfreunde stieß.

Reporter: Dann ist das ja noch gar nicht so lange her?

nsmail 27 260x300 Interview mit dem Erotik Zeichner AntonAnton: Nein. Der Gedanke reizte mich lange nicht. Da ich aus Russland komme, stößt mich jede Form von krimineller Vereinigung ab. Da hört doch der Spaß auf. Ich verstehe sehr wohl, dass diese Rudelbildungen etwas sozial Sinnstiftendes haben, aber es reizt mich überhaupt nicht Teil einer irgendwie gearteten kriminellen Geschichte zu sein. Hier im Westen, das musste ich erste lernen, hat das eine andere ästhetische Ebene.

Ich war allerdings schon vorher mal mit einer Frau im Swingerclub. Da gab es eine Frau, die darum bat von vielen Männern ganz hart genommen zu werden. Meine Spielgefährtin damals verstand das alles überhaupt nicht, wir waren nicht in so einer Verbindung, dass sie mir hätte was verbieten können, aber sie machte nur runde Augen und meinte, diese Frau da sei ja krank. Sie wollte als Schlampe bezeichnet und geschlagen werden. Das war für mich, für das erste Mal, doch eine etwas zu harte Nuss. Ich habe ein bisschen mitgemacht, aber ich kam irgendwie nicht in die von ihr gewünschte Rolle hinein.

Reporter: Bei den Wichsfreunden betratst du den Eventraum stets mit Zeichenblock und Papier, fertigtest charakteristische, entlarvende Szenen der Gruppensexparty an. Ist dir das Zeichnen ein ähnliches Herzensbedürfnis wie es mir das Reportieren ist?

nsmail 22 300x195 Interview mit dem Erotik Zeichner AntonAnton: Ich hoffe, ich würde mich geehrt fühlen, wenn das so ein Herzensdings wäre. Ich habe nicht immer gezeichnet. Aber das ist das Problem mit diesen Sexgeschichten – man will immer mehr daraus ziehen oder noch was umsonst dazu bekommen. Das ist eben die Ökonomie der Liebe oder des Sex. Diesem Steigerungsprozess folgend, wollte ich irgendwann noch was mitnehmen davon. Während der Veranstaltung ist man so voll mit Hormonen, dass man danach kaum noch was in Erinnerung hat, außer dass man abhängig wird und es versucht, immer wieder zu erleben.

Und dann hat sich das verselbständigt. Das Zeichnen ist sowas Unmittelbares, was man im Nachhinein zurückanalysieren kann. Irgendwann fing das Medium an, mich zu diktieren. Ich liebe diese fetten, opulenten Männer neben den schmalen Frauen zu zeichnen, die im realen Leben ja gar nicht so angenehme Mitspieler sind, weil sie in so einer Runde ästhetisch zu sehr dominieren. Aber auf einer Zeichnung sehen sie gut aus.

Reporter: Du agierst auf den Partys immer herrlich unverklemmt, frei und voller sexueller Energie. Ist es vielleicht genau das, was uns von anderen unterscheidet? Wir wissen, dass es nicht auf Äußerlichkeiten, sondern auf Ausstrahlung und Sexlust ankommt? Oder was hältst du für das Entscheidende bei einer Frau, die im Mittelpunkt so eines Events steht?

Anton: Uih … die Frau ist für mich immer ein Geheimnis. Manchmal zwingen einen Frauen selbst bei gutgemeinter Toleranz an die Belastungsgrenze. Es ist immer quälend, wenn ich mich entscheiden muss: will ich was erleben oder will ich das jetzt zeichnerisch festhalten. Man schreibt, malt, schreibt, fotografiert doch, um sie selbst zu analysieren, zu steigern und aufzubauen. Da switcht man doch die ganze Zeit zwischen zwei Personen: Mitmachender und Beobachtender. Ein nicht sehr lustvolles Erlebnis, was Disziplin und Konzentration erfordert.

Reporter: Ich erinnere mich an eine professionelle Frau, die du, während du von ihr geblasen wurdest, fragtest, ob es ihr denn auch Spaß mache. Und sie antwortete dir „das ist doch egal, Hauptsache es ist für dich okay“. Was hast du in dem Augenblick gedacht?

nsmail 19 300x170 Interview mit dem Erotik Zeichner AntonAnton: Da ich in diesem Augenblick geblasen wurde, muss ich gestehen: mein Kopf war woanders. Wäre ich gerade beim Zeichnen gewesen, hätte ich mich an was erinnert. Bei diesen Partys versucht man ja eine hemmungslose Frau zu erleben, eine die Spaß macht. Man hofft immer eine Nymphomanin zu erleben. Die Frauen, die das als Dienstleistung machen, interessieren mich am wenigsten. Obwohl ich auch schon Sexarbeiterinnen erlebt habe, die das gut machen und da muss ich sagen, habe ich großen Respekt.

Reporter: Warum spritzt du Frauen gerne ins Gesicht? Sind wir da vielleicht vom zu häufigen Pornoschauen drauf konditioniert oder welche Gründe könnte unser Fetisch noch haben?

Anton: Ich bin nicht von den Pornos konditioniert. Eine Frau, die sagt was sie will und sich nicht bloß als Objekt darbietet, ist für mich viel liebevoller als eine perfekte Dienerin. In der privaten Beziehung ärgert mich das, wenn eine Frau sich anbietet und hinterher gleich eine Rechnung dafür stellt: so, ich war für dich da, jetzt musst du für mich sorgen. Aber vielleicht ist das ja auch einfach so in der Natur.

Reporter: Da unsere Vorliebe für die Gesichtsbesamung ja logischerweise nur ohne Kondom absolviert werden kann, gibt es ja ein gewisses erhöhtes Risiko sich etwas einzufangen. Hast du dir bei einem Event schon mal eine Geschlechtskrankheit zugezogen?

Anton: Nicht das ich wüsste.

Reporter: Meiner Beobachtung nach teilt sich die Herren bei einem Bukkake in zwei Gruppen auf. Die Einen wollen es selber machen, die anderen lieber von fremden Hand oder Frauenmund kommen lassen? Manche wollen ja nicht mal mit der Frau in Berührung geraten.

Anton: Ja, kann ich mir schon vorstellen, dass es Männer gibt, die sich ekeln vor der ganzen Situation. Feministen meinen ja, dass Männer die ganze Situation nur inszenieren, damit der Mann seinen Frauenhass ausleben kann … bestimmt gibt es da auch mysogyne Elemente, die die Frauen als den niedrigsten Dreck betrachten.

Ich kenne Männer, die physiologisch gar nicht mehr anders können als es sich selbst zu machen. Ich kannte mal eine Frau, die war stolz darauf, dass sie ihren Freund, nach vielen Jahren Übung, beibringen konnte zu kommen, ohne dass er es sich selbst machen musste.

Reporter: Da du einem Nicht-Deutschen Kulturkreis angehörst wäre es spannend zu wissen, wie die Frauen in deinem Mutterland ihre Sexualität ausleben? Sind die Frauen dort emanzipiert? Wäre es dort auch möglich so komplikationslos wie hier an einem Gangbang teilzunehmen?

Anton: Ich bin lange genug in Deutschland, um mich zur hiesigen Leitkultur zugehörig zu fühlen.

nsmail 26 212x300 Interview mit dem Erotik Zeichner AntonSich die Freiheit zu nehmen und umsetzen zu können, jederzeit seine Sexualität nach seinen Wünschen auszuleben, da bin ich skeptisch. Kultur ist ja etwas, was entsteht. Klar, es gibt Traditionen und Vordefiniertheit, aber es steht ja jedem frei etwas zu ändern.

Was die Emanzipation angeht – die Frauen im Osten waren ja damals sehr emanzipiert. Die Machthaber zogen daraus ihren Nutzen. Wenn mehr Arbeiterinnen gebraucht wurden, hat man die Abtreibungen voll propagiert. Wenn man mehr Soldaten brauchte, hat man sie einfach verboten und mehr Mutterschaft propagiert. Aber den Frauen war immer bewusst, welche Macht sie gegenüber den Männern besitzen.

Was den Rudelsex betrifft, so finde ich die Art der Sozialisation interessant. Manche Leute trinken miteinander, um sich zusammengehörig zu fühlen. Ich trinke wenig und ungern mit anderen Männern. Es gibt das Sprichwort: gemeinsam begangenes Verbrechen verbindet. Wenn man das ernst nimmt, so muss man über die kriminellen Strukturen Bescheid wissen. In Russland war jede Nische mit kriminellen Denkweisen überzogen, mit eigener Sprache, mit eigenen Netzwerken. Nach der Revolution 1917 versuchte das kommunistische Regime alles zu bestimmen. Aber es konnte nicht alles bestimmen. Und vieles, was nicht bestimmt war, wurde von der kriminellen Subkultur organisiert. Kriminelle wurden in Russland als sozialnahes Element gesehen, das waren die Lumpen, die Proletarier, die Machtlosen. Die Kriminellen waren der normalen Bevölkerung viel näher als Intellektuelle oder Geistliche. Und sie waren privilegierter. Und irgendwann hat man sie dann dazu eingesetzt, um über sie auf die Gesellschaft Kontrolle auszuüben. Die Sexualität haben die Kriminellen ganz anders ausgelebt wie bei uns. Zum Beispiel: eine Liebe zur Frau ist tabu, eine Bindung zur Familie ist tabu, aber der Rudelsex ist ein Muss.

Reporter: Der Rudelsex ist sinnstiftend für die Gruppe.

Anton: Ja, und er baut die Hierarchie. Die Frauen in dieser Gruppe arbeiten als Prostituierte, als Diebinnen, oder schleichen sich als feine Frauen in wohlhabende Kreise ein, um später Zeichen zu geben, wo was zu holen ist. Alle diese Frauen gehörten allen. Selbst bei einer Frau eines Kriminellen, gehört deren Mund und deren Hintern der gesamten Gruppe. Das mag schwer vorstellbar sein. Aber du kannst nun sicher verstehen, weshalb ich nicht bereit bin, Teil einer solchen Gruppe zu werden. Das habe ich beim Rudelsex immer im Hinterkopf und deshalb tat ich mich damit lange schwer, obgleich es in Deutschland keine derartige Symbiose zwischen Gangbang und Kriminalität gibt.

Reporter: In Tschechien, so konnte man vor Kurzem in der Zeitung lesen, müssen sich Asylbewerber einem speziellen Test, der Phallometrie, unterziehen. Dazu müssen sich Männer Pornos anschauen, währenddessen von den staatlichen Behörden der Blutfluss zum Geschlechtsorgan geprüft wird. Mit Hilfe diesen kruden Bild- und Bluttests will man Homosexualität diagnostizieren, weil man dieser Gruppe keine Aufenthaltserlaubnis genehmigen will. Wie findest du diese staatliche Praxis?

Anton: Ich kenne so ein Verfahren schon aus einem alten Gerichtsmedizinbuch. Das funktioniert aber nicht bei jedem. Leute, die mit dem Thema viel zu tun haben, die mit Pornographie in Kontakt gekommen sind, aber auch Künstler, so stand in dem Buch, bei denen funktioniert der Test nicht. Dahinter steht doch die Frage, warum Pornographie eigentlich funktioniert. Und die Frage ist doch noch ungelöst. Es ist nachwievor ein sehr interessantes Thema in der zeitgenössischen Kunst. Es reizt mich auch. Wir sind eine Generation, die mit Porno groß geworden ist, das ist eine Tatsache. Man kann lange Spekulieren, was das für Auswirkungen hat, aber das macht doch die Gesellschaft nicht kaputt.

Reporter: Könnte es dir passieren, dass du dich spontan in eine Eventfrau verliebst?

Anton: Oh ja. Ich würde mich gerne in eine Frau verlieben, die weiß was sie will. Es gibt ja Events, wo die Frau mit ihrem Freund oder Ehemann erscheint und der sehr viel Freude am Vergnügen seiner besseren Hälfte zeigt. Es gibt ja die Theorie, dass die eigene Lust immer nur die Lust des Anderen sei. Vielleicht ist das ja auch der tiefe Traum eines jeden Teilnehmers Leute zu finden, die eine gemeinsame Gruppe aufbauen. Das funktionierte nur, wenn es nicht kommerzialisiert wird. Dieses Gespann Mann/Frau bei diesen Events, das ist wirklich was Interessantes.

Reporter: Wenn du jetzt die Frau da hinten siehst, kannst du schätzen was sie für eine BH-Größe trägt? Als Zeichner hast du sicher einen guten Blick für Proportionen.

Anton: Leider nicht.

Reporter: Bestimmt gab es in deiner Sexlaufbahn schon unangenehme Erfahrungen, erzähle bitte von einer?

Anton: Vielleicht … ich bin gar nicht ein immer so entspannter Mensch, um mich in jeder Lebenslage gehen zu lassen. Ich befinde mich nicht so leicht in peinlichen Situationen. Ich habe gerne alles unter Kontrolle. Ich wurde mal von der ganzen Gruppe aufgefordert zu zeigen was ich kann, diesen kleinen Test als Pornoschauspieler habe ich dann bestanden.

Reporter: Ein Partygänger erzählte mir in einem Interview voller Stolz, dass er inzwischen 120 verschiedene Frauen ins Gesicht gespritzt und gebumst habe. Führst du da auch Strichliste? Wie hoch ist dein aktueller Verbrauchsstand?

Anton: Ich muss ehrlich sagen, ich habe, als ich mal nicht einschlafen konnte und keine Lust zum Lesen hatte, mal probiert so eine Liste zu machen. Das scheiterte an der Definition, was man als Erlebnis ansetzt und was nicht. Außerdem ist das ja kompliziert bei Frauen. Ich habe zum Beispiel alte Bekannte, die man nur einmal pro Jahr trifft. Und jedes Mal ist wie ein erstes Mal. Jede Frau will von Neuem erobert werden, auch wenn vorher schon klar ist, wo das hingeht. Ist das jetzt ein Haken oder ist das jedes Mal ein neuer Haken?

Reporter: Fällt es dir eigentlich leicht, eine unbekannte Frau auf der Straße anzusprechen, die dir gefällt? Hast du eine Methode entwickelt, die du schüchternen Menschen empfehlen kannst?

Anton: Ich habe noch nie eine Frau auf der Straße angesprochen, weil ich mich mit dem Gedanken trug mit ihr Sex zu haben. Daher kann ich keine Ratschläge geben. Ich kann nicht empfehlen, eine fremde Frau nur wegen eines dringenden sexuellen Bedürfnisses anzusprechen. Das ist gefährlich. Sex ist gefährlich und braucht Verantwortung. Es ist Teil der Kommunikation, man spürt, wenn es dazu kommt, aber man kann nicht eine Frau zwingen schnell eine Fremdsprache zu lernen, um mit dir kommunizieren zu können. Entweder man spricht eine Sprache oder nicht.

Reporter: Es war mir eine Ehre und hochinteressant, mit dir über die Lust und die Liebe zu plaudern.