Wiederbelebungsmaßnahmen für eingeschlafene Libido

Fernsehkritik: letzte Rettung Aphrodisiaka – wenn die Lust Hilfe braucht (RTL2 vom 10.3.2011)

Ein tätowierter, fusselbehaarte Mann (40) allein mit Unterhose bekleidet schlendert im Nachtprogramm von RTL2 zum Bett seiner Freundin. Instinktiv ahnt man, was passieren könnte. Doch der Mann kommt nur an ihr Bett, um ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, denn unterhoseninhaltstechnisch kommt er schon lange nicht mehr. Tragisch. Und die Freundin ist auch total enttäuscht.

Der Privatsender geht dieser Ungeheuerlichkeit des unausgeglichenen Hormonhaushaltes eines Pärchens auf den Grund. „Wir haben schon echt viele Sachen ausprobiert: Pornos, Erotikpartys, erotische Events, Reizwäsche, Sexspielzeug … nichts hat gewirkt.“ Die schon vorhandene tragische Situationskomik steigert sich, weil das Pärchen gezwungen wird kleine Dialogtexte zu sprechen, die zwar ganz natürlich wie aus dem Alltag daherzukommen versuchen, deren gestelzte Künstlichkeit jedoch recht witzig wirkt. Zumal in der Kombination mit seinem ernsthaften Erektionsproblem. Seine Freundin googelt in ihrer Orgasmusverzweiflung nach Aphrodisiaka. „Was machst du da?“ – „Ich hab mal nach Lösungen geguckt, letzte Nacht hattest du ja schon wieder keine Lust. Mir reicht das jetzt echt.“

„Mit Rieke ist es immer das Gleiche: Sex, Sex, Sex. Es geht immer nur um das Eine“, beschwert sich in Abwesenheit seiner Freundin unser Erektionsgehemmter. Die Freundin rät dringend zu einem Arztbesuch, weil das mal ordentlich abgeklärt gehöre. Wir sind mit dabei wie das Pärchen zu einem Naturheilmediziner geht, der sich auf sexuelle Störungen spezialisierte, und Rieke sagt im Wartezimmer selbstbewusst: „Ich hoffe, dass der Onkel Doktor meinen Freund Haramis wieder fit im Schritt macht.“ Da ringt man sich als Mann nur ein bemühtes Lächeln ab, derart von der Liebsten bloßgestellt zu werden.

Tja und dann erfahren wir bei der Anamnese so ganz nebenbei, dass Schicksal des langhaarigen Exilgriechens Haramis. Er hat nach einer Krebsoperation nur noch einen Hoden, wobei sich sein Zweit-Testikel als Alleintestosteronproduzent beim Sexhunger seiner Geliebten überfordert zeigt. Da war man am Anfang der Dokumentation nicht ganz ehrlich mit uns. Da erscheint seine Situation im Nu nachvollziehbar, unspektakulär und alles andere als lächerlich. Der Arzt schlägt eine Ozonsauerstofftherapie mit Akupunkturbehandlung vor.

„Ey, wir haben hier ein akutes Problem. Da wäre es das Klügste von dir du bewegst deinen Arsch vom Computer weg und nutzt deine gewonnene Energie für mich. Wenn das nicht klappt, schau ich im Computer einfach nach `nem anderen Mann.“ Rieke macht unsere armen Einhodigen also Druck, was in seiner prekären Lage vermutlich eher kontraproduktiv wirken könnte.

Da Rieke keine Verbesserung im Lendenbereich von Haramis bemerkt, geht sie weiter auf Hilfesuche im Internet. Ein Druide (54) hält sich selbst für eine Art autodidaktischen Heiler, der sich auf die Vergabe von Aphrodisiaka „versteifte“. Der Heiler bringt unserem Pärchen auf rührend direkte Art bei, dass für einen Mann beim Sex nicht der Schwanz sondern der Kopf das Wichtigste sei. Seine Diagnose nach dem ersten Gespräch: „Sie will vom Fleck weg gefickt werden. Er kann das nur über Kopfkino erreichen, weil er diesen Drang nicht hat. Ihr ist es völlig egal, zu welchem Zeitpunkt das passiert.“

Der heilende Druide erzählt Allerweltsweisheiten über die richtige Ernährung und aphrodisierende Gemüsesorten. Und er kredenzt dem Paar verkochte Gewürze, die als Tee getrunken ein Zaubertrank für gewerkschaftlich organisierte Mannes-Zepter sein sollen. Folge: Riege hat voll Bock, Haramis ist der Tee auf den Magen geschlagen. Und schon wieder tote Hose.

Jetzt steht ein Besuch bei einer richtigen Hexe auf dem Programm. Sie könne die Wahrnehmungskanäle des Menschen wieder öffnen. Die Hexe entlockt Rieke eine ehrliche Antwort: „Haramis ist irgendwie ein ganz anderer Mann als die ganzen schwanzgesteuerten Freunde, die ich vorher hatte. Nur manchmal brauche ich eben als Frau dieses „ja, ich-bin-ein-geiles-Stück-und-werd-genommen“-Gefühl.“ Die Hexe lässt die Beiden magische Fläschen füllen und hat eine kongeniale Ausrede, falls die magischen Flaschenkräfte nicht helfen: „Magie ist immer Selbstverantwortung“.

In einem Erotikhotel, wo der griechische Kostverächter sein Hosenzelt aufzubauen bereit ist, wendet dann die Beziehung zum Guten. Plötzlich steht er seinen Mann. Es drängt sich zwar irgendwie der Verdacht auf, dass dieses inszenierte Happy End mehr aufgrund des Werbeeffekts für das Etablissement ins Programm gehievt wurde … Jedenfalls scheint es mehr als zweifelhaft, warum jetzt so schlagartig alles wieder bestens funktionieren soll und Rieke vorgibt, voll befriedigt zu sein. Haramis könnte jedoch mit seiner Theorie richtig liegen: er sei nicht entspannt genug für Sex mit seiner Freundin gewesen.