Liebesarbeitszeit bis zur Rente

Fernsehkritik: „Frauenzimmer“ aus der Reihe „das kleine Fernsehspiel“ (ZDF)

Der Sender für den in die Jahre gekommenen Gebissträger widmete sich seriös und angenehm fern jeder skandalisierenden Effekthascherei wie wir es beim Privat-TV gewohnt sind, wo man das Vorurteil pflegt, dass käufliche Sexualität ein schmutziges Geschäft sei, den Sexarbeiterinnen mit reichlich Lebenserfahrung. Ist ja alles so piefig-bürgerlich bei diesen drei älteren porträtierten HWG-Omas! Geradezu stinknormal. HWG steht als Kürzel für häufig wechselnden Geschlechtsverkehr, was sich der Hausarzt gern ganz oben als Notiz auf die Patientenakte schreibt, um beim nächsten Besuch gleich eine grobe Richtschnur zu haben, wo er sein hilfesuchendes Gegenüber einordnen muss.

Zum Einstieg bekommen wir eindrucksvoll präsentiert, wie unterschiedlich die drei Frauen am Telefon mit ihren interessebekundenden Kunden umgehen. Christel (58): „In `ner guten halbe Stunde im freundlichen Bereich sind kleine Rollenspiele drin. Mach das doch.“, Karolina (64): „Robert, wenn ich sage 18:30 Uhr dann klingelst du pünktlich um 18:30 Uhr an meiner Tür. Ist das klar?“, Paula (49): „Na, komm doch gleich vorgehuscht auf ein kleines Fickerchen.“ Gemein ist allen, wie einfühlsam und kenntnisreich sie adäquat auf die seelischen Befindlichkeiten der verschiedenen Männertypen eingehen.

Christel erzählt in ihrer mehr als spießig möblierten Privatwohnung, in der sie auch ihre Kundschaft bedient, dass sie mit 51 Jahren und völlig falschen Vorstellungen angefangen habe. Im Ohrensessel erzählt sie von freundlichen, jungen Freiern, von der erstaunlich großen Nachfrage nach älteren Frauen und wie viel an Selbstbewusstsein sie durch die Wertschätzung, die sie täglich erfahre, gewonnen habe. „Eigentlich bin ich erst jetzt in dem Alter, wo ich den Sex genießen kann. Mit Freiern. Vorher war es bloß eine Dienstleistung am Ehemann.“ Bei ihrer Lebensgeschichte schlackert man mit Ohren: lange unglücklich verheiratet und manisch depressiv, hat sie mit 49 Jahren ihren ersten Orgasmus, weil sie nicht locker gelassen, nicht aufgegeben hätte, um endlich zu erfahren, wie man sich selbst befriedige. Und ausgerechnet aus so einer traurigen Spätentwicklerin wurde eine begehrte Sexarbeiterin im reifen Alter. Die Dokumentation vermittelt mit einer kreativen und jugendfreien Umsetzung, wie Christel mit den Männern umgeht: wir sehen eine Diashow von Wohnungsdetails, während wir sie mit einem Mann beim Sex stöhnen und lachen hören. Das vermittelt erstaunlicher Weise weit mehr als es plakative Bilder von Nacktheit jemals könnten.

Ein äußerst sympathisches Interview mit ihrer Tochter, bei dem beide frei von der Leber losplaudern und viel Harmonie ausstrahlen, sogar Christels Freund sehen wir in einer kurzen Sequenz im gemeinsamen Alltag, bei der wir den Eindruck bekommen, wie selbstverständlich, wie unspektakulär, wie stinknormal das Privatleben einer Hure ist. Und wie falsch es wäre, eine Sexarbeiterin mit Kriminalität, mit Milieu, mit Drogenkonsum, mit amoralischen Lebenswandel oder mit einer geheimnisumwitternden Aura in Verbindung zu bringen, wie dies ja in den Medien so häufig geschieht. Es ist unspektakulär. Spektakulär wird der Beruf, wie bei jedem anderen Job auch, wenn man ihn als Berufung sieht. Und in diesem Falle sollte man vor einem sachkundigen Arzt wie vor einer sachkundigen Hure, die beiden ihre Tätigkeit zum Wohle des Menschen ausüben, für den sie Verantwortung tragen, dankbar sein. Weil sie eine Dienstleistung anbieten, die dringend benötigt wird.

Karolina ist eine Domina, klug, tiefsinnig, sehr bewusst lebt sie das aus, was sie schon immer sein wollte. Lange Zeit fand sie nur nicht den Mut dazu. „Manchmal kommt mir das Ganze schon komisch vor, so absurd, so grotesk“, wirft sie schmunzelnd ein. Aber das gehöre nun mal dazu, um den Sprung zwischen den Welten zu schaffen. Mutig, dass sie sich mit ihren Enkeln auf dem Rummel filmen lässt, wo wir sie als fürsorgliche Oma kennenlernen. Karolina sagt, sie sei in einem Pfarrershaushalt weltfremd, unsinnlich und steril aufgewachsen. Wir sind mit dabei, wie sie mit ihrem Sklaven Schuhe anprobiert. Die Verkäuferin wird weggeschickt, die Hilfestellung beim Schuhanziehen hat ihr Sklave zu übernehmen. Es geht zwischen den Beiden menschlich, witzig und liebevoll zu, obwohl sie das dominante Rollenspiel in der Öffentlichkeit beibehält. „Deine Meinung über den Schuh interessiert mich nicht.“

Bei einer ihrer Sessionen sind wir ebenso rein akustisch dabei, was natürlich bei einer SM-Aktion sehr viel spannender ist, als beim üblichen Blümchensex. Es kommt in Kürze ein solch gewaltiger Spannungsbogen und ein Gefühl für das Machtgefälle inklusive des Spiels mit dieser Macht rüber, dass dies einen größeren Lerneffekt auf die Seele hat, als es diese ganzen künstlichen, gestellten Dokumentationen über Dominas im Fernsehen bislang alle zu vermitteln schafften. Grandios. Das positive Bild rundet ein kluges Interview ab, in dem Karolina ehrliche Antworten über sich und ihre Machtausübung gibt. Auf einem ihren Tattoos steht: „mein Leben hat allen gefallen, nur mir nicht“. Das solle sie immer daran erinnern den Mut zu finden, selbst unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

„Ich habe ein kleines Bordell in Berlin, mit vier charmanten Damen, die begleiten den Herren zu Bett“, sagt Paula, eine füllige Ossi-Hure, während wir sie die durchaus geschmackvolle Osterdekoration fürs Schaufenster herrichten sehen. In ihren Geschäftsräumen im Souterrain plaudert sie über ihre Anfänge: „Ick hab einen Kumpel kennenjelernt und der gab mir als Dankeschön ein bisschen Jeld. Wir hatten sowas ja offiziell im Osten ja nich. Boah, ick hab 20 Mark West von dem bekommen, det war ja viel Jeld.“ Ihren Tätowierer bezahlt sie in Naturalien – eine schnelle Nummer als Gegenleistung. Das Hurenleben kann so lustig und bequem sein. „Es ist ganz eigenartig. Manche Kunden kommen bloß einmal im Jahr. Ich denke, kenn ich dich. Nee, ich kenn dich nicht. Dann zieht der sich aus, dann siehste den Schwanz und ich denke, Mensch, den haste doch schon gejabt.“ Auch bei Paula sind wir rein auditiv beim Geschlechtsverkehr dabei, bekommen die Reaktion des Freiers mit und es ist erstaunlich wieviel sich atmosphärisch vermittelt. „Gefühle bei der Arbeit? Nee, das ist Arbeit.“