Muschisolidarität statt Zickenkrieg

Eine Theaterkritik über das Stück „Lulu – die Nuttenrepublik“ an der Berliner Schaubühne
(wir berichteten, als der Regisseur Volker Lösch Laienschauspieler für dieses Stück suchte)

Lulu Nuttenrepublik

Einhundert Jahre hat das Manuskript auf dem Buckel, an dem sich Regisseure schon mal ungewollt einen Zacken aus ihrer selbstverliebten Krone brechen. Im Grunde geht es um Sexualität und ihre öffentliche Akzeptanz im Allgemeinen. Im Speziellen geht es um käufliche Sexualität, denn die Hauptfigur Lulu durchläuft im Laufe des Stücks von der Berliner Göre, zur wohlbetuchten Unanstandsdame zurück zur verarmten Straßennutte die gesamte Bandbreite ihres stets grellrot beleuchteten Lebenspfades.

Das Besondere: der Regisseur lud echte Berliner Sexarbeiterinnen ein das Stück mitzugestalten, die für einen Hurenlohn auftreten, den sie für eine halbe Stunde Sexarbeit am Mann locker in der Tasche hätten. Dabei ist die Realisierung in aller erster Linie der Berliner Escortdame Ariane zu verdanken, eine der klügsten, der exhibitionistischsten, der kommunikativsten Sexarbeiterinnen der Großstadt, von dem der Regisseur zahlreiche der über die Geschlechtsteile reflektierenden Einsichten übernimmt.

Alle teilnehmenden Sexworkerinnen haben Textbeiträge beigesteuert und bei den Lustigeren meint man die typische Ariane rauszuhören, tiefsinnig und humorvoll zugleich, mit feiner Ironie garniert. Bin ich da nur voreingenommen, weil ich Ariane viel mehr Vertrauen und Respekt entgegenbringe, als ihr der Regisseur im Schauspiel auf der Bühne an Gestaltungsspielraum eingeräumte?

Es ist ein lebensbereichernder Theaterabend. Und als wir hinterher beim Aperol-Sekt und Bier beisammensitzen, beeindruckt mich Ariane einmal mehr mit ihrer Offenheit und Ehrlichkeit, mit ihren klugen Ansichten. Vielleicht sind ihre über Jahre entstandenen Texte teilweise etwas zu verschwenderisch verpulvert.

Zugegeben nicht wirkungslos, dafür sind ihre Beiträge zu gehaltvoll, die Basis des von Wedekind geschriebenen Dramas zu wohlgefällig ausgesponnen. Und letztlich sorgt alleine das Thema Sexualität, wie immer und überall, für lange Ohren, Stilaugen und hormonelle Spontanausschüttung. Aufmerksamkeit garantiert das Thema.

Lulu NuttenrepublikEs ist sicherlich positiv zu erwähnen, dass der Regisseur weder der Glorifizierung noch der Boulevardrisierung ins Sensationserheischende das Wort redet. Aber vielleicht gehört die Sexualität ja zu den am meisten unterschätzten Dingen auf dieser oberflächlich so sexualisierten Welt: Essen, Trinken, Schlafen, Freundschaft und eine ausgelebte Sexualität sind die Stützpfeiler des Lebens. Was jemand isst, welches Getränk jemandem schmeckt, in welcher Stellung man am besten einschläft, mit welchen Menschen man auf einer Wellenlänge schwimmt und wie man seine Sexualität lebt, sind Ausdruck der Persönlichkeit und daher bei jedem individuell verschieden.

Es gibt viel weniger ein Richtig und ein Falsch, als es sich die ganzen verklemmten Geister alle selbst einreden wollen. Die Antwort, was einem schmeckt und welche Form der Sexualität einen befriedigt, kann jeder nur für sich selbst beantworten. Und gerade deshalb, und das wollte doch der Autor sagen, wäre es ein Fehler seine gelebte Sexualität nach der aktuellen Mode oder Moral zu richten. Jeder muss selbst wissen, was er will und er muss es dann auch leben.

An die tausend Kopfkissen bilden das Bühnenbild, hinter denen sich alle Schauspieler immer wieder zu ihren einzelnen Auftritten hindurchpressen. Die Gruppe der Sexarbeiterinnen treten ausschließlich als Gruppe auf, sprechen ihre Texte im Chor, geben ihre Intermezzi, sind wunderbar „eingebettet“ in die Dramaturgie, obwohl sie für die Fortentwicklung der Geschichte um Lulu keinen eigentlichen Beitrag leisten. Lautstarke Popmusik, wozu man zumeist „popp“ulär eindeutig tanzt, lockert die Atmosphäre immer mal wieder ganz nett auf.

Den Höhepunkt bildet das Muschi-Manifest, das man auf dem Nuttenrepublik-Blog studieren kann, indem das hohe Lied auf die sexuelle Befreiung Europas gesungen wird.

Merkwürdig. Einige Feuilletonisten renommierter Zeitungen verunglimpften die Inszenierung als Fiki-Leaks oder Freierbeschimpfung. Das kann man nun wirklich nicht behaupten. Es ist temporeich, es ist authentisch, es ist voller Grandezza gegenüber allen Kopulationsbeteiligten. Es kommt ohne jeden erhobenen Zeigefinger, ohne jede moralinsaure oder altkluge Zuschauerbelehrung aus.

Für den sensiblen Beobachter gibt es als Zugabe noch was obendrauf: die Garderobendame mit ihrer alten Schaffnerschultertasche zum Münzwechseln vor den Spinden, in denen man seine Jacke verstaut und beim Abholen sein Geld zurück bekommt … und natürlich das Publikum, das hier wohl jeder per Kopfkino scannt, in Charlottenburger Schickse und treue Ehefrau beziehungsweise in Möchtegern- und Bingern-Freier einteilt.

Ein schöner Abend.