Nur deine Hungertaille oder Hässlichkeit zählt

Fernsehkritik: „Traumjob Model – das Aussehen entscheidet“ aus der Reihe „Exklusiv – die Reportage“ (RTL2)

Entweder du bist ein postmodernes Klappergestell mit niedrigem Blutdruck, das bei den schwulen Modeschöpfern von den Körperformen her als Jungenssurrogat durchgeht, oder du bist eine unverwechselbare Type mit extravagantem Äußeren (dann auch gerne sehr dick oder sehr hässlich), die als skurrile Erscheinung in Reklamefilmchen eingesetzt werden kann. Auf alle Fälle sollte die Modelinteressentin oder der Modelinteressent einen gewissen Wiedererkennungswert besitzen. Da es nicht auf Intelligenz ankommt, eignet sich der Job hervorragend für Leute, die es mehr in ihren Streicholzbeinchen haben als hinterm Stirnlappen.

Traumjob Model

Der auf Schadenfreude setzende Fernsehsender lässt die 23-jährige Kathi direkt ins Kameraobjektiv von der großen Modelkarriere träumen, wobei jedem Zuschauer auf den ersten Blick klar sein dürfte, dass das nie klappt. Sie lispelt gar fürchterlich, ihre Zähne zeigen unterschiedliche Weißstärken auf und ihre lange Nase könnte allenfalls bei manchen Mitbürgern erotische Gefühle auslösen. Ihre körperlichen Attribute kommen zwar der aktuellen Verdünnisierungsmode sehr nahe, aber kein Po und kein Busen sind eben auch nicht alles.

Kathi arbeitet momentan noch in einer Dorfdisco als Go-go-Girl, wobei sie hofft, dass jemand während der Arbeitsausübung ihre Starqualitäten erkennen möge. Stattdessen erregt ein Alt-Achtundsechsziger ihr Interesse und überredet sie als Dessousmodell für eines seiner Illustrierten in seinen Räumlichkeiten zu erscheinen.

„Wir machen Zeitschriften bewusst nicht auf allerhöchstem Niveau; wir machen Zeitschriften für den normalen Mann, der nicht irgendwas Kompliziertes haben möchte“, selbstentlarvt sich der Herr Chefredakteur. Kathi entscheidet sich gegen den Job dieses armseligen Wichsvorlagen-Verlages, bei dem die Frauen den Slip anbehalten.

Ein dicker Mann, mit Humor und Ausstrahlung, arbeitet hingegen seit über zwanzig Jahren erfolgreich als männliches Antimodell. Spielt den dummen Jungen in Fernsehspots, posiert in XXL-Textilien und weiß sich charmant und charismatisch zu verkaufen. Und darauf kommt’s wohl an: die Aura der Persönlichkeit. Oder wenn die eben nicht vorhanden ist, die Aura der perfekten Schönheit, die dann wieder suggeriert, weil es sich ja um eine so adrette Person handele stecke darin bestimmt ein schöner Charakter. Natürlich hat das nichts miteinander zu tun, aber exakt diese Wirkung entfacht blendende Schönheit. Zurück zum adipösen Genießer, der das Attribut Special-Model aufgeklebt bekommt.

Cornelia ist modelsteinalte 41 Jahre und wir erfahren mit großem Popanz die Nullinformation, sie habe einen Haushalt zu versorgen. Bitteschön, wirklich jeder Bürger, außer vielleicht ein Krankhauspatient oder ein Obdachloser, hat einen Haushalt zu versorgen. Sie erjoggt sich allmorgendlich ihre Vorbildfigur und ist der Modelltyp taffe Frau im schlaffen Alter. Wir blicken dann auf ihren unprätentiösen Alltag zwischen Kindererziehung und Kleideranziehen … sind fast ein bisschen erstaunt über die professionellen, fotogenen Arbeitsergebnisse.

Nach der Dokumentation ist man genau so schlau wie zuvor und es stellt sich automatisch die Frage: wozu war das nun gut ?