Von Klaus, der keine Maschine ist – Pornodreh mit Vivian Schmitt

TOM Report Serie: Porno in Deutschland»

Vivian SchmittNächste Station der Reise durch Porno-Deutschland: Gedreht wird in Berlin in einem kleinen Studio in Weißensee – mit Vivian Schmitt. Regisseur ist Harry S.Morgan, ein Porno-Veteran. Für das Buch PORNO IN DEUTSCHLAND – REISE DURCH EIN UNBEKANNTES LAND konnte ich bei den zweitätigen Dreharbeiten dabei sein, für TOM REPORT gibt es hier exklusiv einen Ausschnitt. Dass Männer mitunter Schwerstarbeit bei Porno-Dreharbeiten verrichten müssen, hat man ja schon geahnt, dass es einen Pornodarsteller aber auch richtig arg erwischen kann, wenn er mal einfach nicht so kann wie er soll, das konnte ich bei diesem Dreh erleben.

Als ich einmal nachts auf einer Wiese gelegen und in den wolkenlosen Himmel geschaut habe, habe ich gelernt, was Demut ist. 100 Milliarden Sterne! Und wir denken, wir seien einzigartig. Worüber soll ich mich also aufregen? Und warum haben so viele Menschen Depressionen?

Es ist die Angst vor dem Leben, die die Leute traurig werden lässt. Dabei müsste man doch meinen, wir, die wir in den großen Industriestaaten leben, hätten alles, was wir zum Leben brauchen. Doch es ist der falsche Glaube, der uns niederdrückt: Wir glauben, die Technik werde es schon richten. Aber das Leben ist keine Frage der Technik“, sagt mir Harry S.Morgan, der Porno-Regisseur. Er ist um die 60 und raucht Kette. Wir können“, ruft Thomas, der Kamermann, der das Set eingerichtet hat.

Klaus, der großgewachsene, muskelbepackte Darsteller, hat seinen Platz eingenommen. Vivian, der wohl letzte große Pornostar Deutschlands. steht parat. Sie wird tanzen. Sich dabei ausziehen, es sich selbst mit einem Dildo machen und den Gast, also Klaus, dann zu sich auf die Bühne holen. Wir befinden uns in einer Art Cabaret. Rotplüschiges Ambiente. Und Action!“

Harry zündet sich eine neue Fluppe an und schaut auf den Monitor. Vivian tanzt, befriedigt sich selbst. Sie hat einen Orgasmus und stöhnt auf. Mit einem Lachen schleudert sie den Dildo hinter sich. Hast du gesehen, wie nass das Ding war?“ ruft Vivian begeistert aus. Sie beugt sich vor und zieht Klaus zu sich heran. Doch Klaus hat Probleme. Sein Schwanz wird nicht hart. Vivian versucht das zu beheben. Mit Hingabe.

Vivian Schmitt verkörpert die Porno-Blondine fürs Volk: Sie spricht mit Schnodderschnauze, herzlich und ordinär, berlinert. Sie ist eine von der Straße, nicht abgehoben, einfach und ehrlich. Mit einem Pracht-Body, strahlenden Augen und einer netten Naivität. Keine Puppe, mehr das Mädchen von nebenan, mit Hang zum Vollweib, immerhin schon 31. Aber das macht nichts, denn es ist die Mischung aus Laszivität und Gosse, von Vamp und Mädchen, die sie zur derzeit erfolgreichsten deutschen Darstellerin hat werden lassen. Vivian Schmitt spielt keine Rolle. Vivian Schmitt ist, wie sie ist.

Klaus bemüht sich, aber es nützt nichts. Der Druck nimmt zu. Ein Teufelskreis. Je länger er braucht, umso größer der Druck. Je größer der Druck, umso länger braucht er. Ich stelle wieder einmal fest: Bei Pornofilmen ist der Mann das schwache Geschlecht. Die Verantwortung, der er für das Gelingen eines Drehs ausgesetzt ist, macht ihn angreifbar, verletzlich, mitunter hilflos. Das zieht sich wie ein roter Faden durch fast alle Drehs.

Es scheint, als sei Klaus jetzt doch soweit. Es kann losgehen. Harry raucht eine neue Zigarette. So redet Harry, während Klaus versucht, Vivian zu vögeln, wie es sich gehört. Aber es lässt sich nicht mehr überspielen: Sein Schwanz ist einfach zu schlaff. Immer wieder rutscht er raus. Der Kerl hat Pimmel-Probleme“, flüstert Harry mir zu. Jetzt wird er lauter. Du schlägst uns mal was vor, und dann geht es los. Ich brauch jetzt einen Fick!“

Klaus zieht sich zurück. Er muss mal in sich gehen. Er braucht Zeit. Konzentration. Eben noch hat er mir gesagt, wie er beim Drehen vorgeht. Du musst alles um dich herum ausblenden. Du brauchst deinen eigenen Film. In dem kannst du funktionieren.“ Harry raucht noch eine Kippe. Er sitzt auf seinem Stuhl, hat gerade eine SMS verschickt.

Wir sind eine geteilte Welt. Aber nicht etwa in Arme und Reiche, Schöne oder Hässliche. Nein! Auf der einen Seite die Frauen, auf der anderen die Männer. So sieht’s aus!“

Mike hockt jetzt in einer Ecke, ganz für sich, wichst an sich herum, und es scheint, als käme er aus seiner Versagensangst nur schwer raus. Harry steht auf, geht zu ihm. Denk an nichts.“

Wir stehen jetzt am Tresen, trinken, rauchen, reden leise, flüstern. Der Kameramann, der Tonmann, Conny Dachs, ein weiterer Darsteller, Ralf, der Aufnahmeleiter, Harry und ich. Jetzt stehen wir am Bufett in der Fotofactory, und Ralf gibt mir Anschauungsunterricht in Sachen Porno-Niedergang in Deutschland.

Vor vier Jahren gab’s beim Dreh noch ein Bufett. Dann kam der Pizza-Dienst. Und jetzt sind wir bei Brot mit Aufschnitt.“ Hinter dem Vorhang versucht Klaus, wieder in Form zu kommen. Vivian hilft dabei. Man hört ihn gedämpft. So’n Scheiß“, flucht Klaus. „Oh Mann!“

Es geht einfach nicht so, wie er will, wie er muss. Der Mann hat keine Chance, das Nicht-Können zu überspielen oder davon abzulenken. Er funktioniert nicht. Dagegen kommt er nicht an. Und das ist furchtbar. Vivian versucht es mit aufmunternden Worten. Du bist doch ein geiler Ficker!“

Das ist das Paradoxe des Pornofilms. Der zum geilen Ficker stilisierte Mann ist die Folie, auf der alles abgebildet wird, was es zu Pornographie zu sagen gibt. Die Vorurteile, die den Mann als seelenlose Vergewaltigungsmaschine ausgemacht haben, oder umgekehrt: die ihn zum potenten, männlichen Vorbild verfremden, sind ein jederzeit vom Einsturz bedrohtes Konstrukt.

Pornodreh mit Vivian Schmitt

Plötzlich hört man Vivian rufen: Wir können drehen. Los!“ Und etwas leiser zu Klaus: Wir kriegen das hin.“ Ein weiterer Versuch. Alles geht wieder auf die Plätze. Harry wird nun doch unruhig. Klaus, jetzt will ich dich spritzen sehen, mach mal was.“ Und zum Kameramann. Zeig mir Vivian. Nicht den Typ, den will keiner sehen!“ Klaus reißt sich zusammen. Er ist schweißüberströmt. Vivian gurgelt: Oh, ich komm gleich. Ich bin schneller als du.“

Klaus hat wohl zurück in seinen ganz eigenen Film gefunden. Ich bin soweit. Wohin soll ich spritzen?“ Auf die Fotze. Hauptsache, du kommst!“ Und zu mir, der ich wieder neben ihm am Billardtisch sitze: Ich hab‘ die Schnauze voll.“ Nach vollbrachter Tat gibt Klaus Vivian ein Tuch und entschuldigt sich. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen“, meint sie. „Ich läster auch nicht. Erst in zehn Jahren …“

Zu Harry kommt er auch mit einer Entschuldigung, dieser große, rein physisch so beeindruckende Typ. Er bietet sogar an, Abstriche bei seiner Gage zu machen, was Harry aber nicht annehmen will.

Ich frage mich unwillkürlich, warum das Bild ist, wie es ist, das der Porno vom Mann jederzeit aufs neue zu kreieren versucht, gleichermaßen das Bewunderung und Verachtung hervorruft. Dieses Bild vom immer bereiten, geilen Mann, das nicht gebrochen werden darf. Dabei bricht das Bild schon beim Vorgang seiner Herstellung, dann nämlich, wenn Klaus nicht so funktioniert, wie er funktionieren soll. Die Frau tritt dabei schnell in den Hintergrund, das Weibliche entzieht sich dem Blick. Sie muss nicht sagen, was sie will, was ihr gefällt, was ihre Wünsche sind. Vielleicht ist das für sie kein Nachteil, vielmehr ein Vorteil. Wer nicht sagt, was er möchte, macht sich auch nicht angreifbar. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass es Frauen immer zum Porno zieht. Der Regisseur sagt, was gemacht wird. Der Mann ist es, der angreifbar wird.

Vivian ruht sich aus. Ich bin im Aufenthaltsraum.

Vivian SchmittWie alles anfing? Mit meinem damaligen Freund bin ich zu einer Foto-Agentur gegangen. Wir wollten uns was als Model dazu verdienen. Der Kerl dort fragte mich dann: ‚Anal, oral, was sind Ihre Vorlieben?‘ Was ist denn das für eine Agentur? dachte ich. Natürlich: Porno. Und tatsächlich habe ich dann mit meinem Freund Porno-Szenen gedreht. Wir haben das gemacht, was wir sonst auch gemacht haben und damit noch schnell Geld verdient. Später hat mich dann Videorama entdeckt, die eine Nachfolgerin für Gina Wild suchten. Müller, Meier oder Schmitt, diese Namen standen zur Auswahl. Eigentlich heiße ich Anna, aber Vivian Schmitt passt gut zu mir. Noch zwei, drei Jahre. Wenn ich dann plötzlich zerfalle, höre ich auf.“

Man muss wissen, dass eine Porno-Darstellerin wie Vivian Schmitt von der Firma einen festen monatlichen Betrag gezahlt bekommt, unabhängig davon, ob sie gerade dreht oder nicht, und dass sie viel Geld mit Terminen verdient, die mit eigentlichen Drehs gar nichts zu tun haben. Sie gibt Autogrammstunden bei Videotheken oder in Sex-Shops oder hat Auftritte bei Messen. Videorama hat von Anfang an dafür gesorgt, dass zwischen der Darstellerin und dem Endkonsumenten – wie das so schön heißt – so etwas wie eine persönliche Beziehung aufgebaut wird. Schmitt hat eine eigene Homepage. Der Fan wird mit Informationen versorgt. Die Darstellerin sucht die Nähe.

Porno-Darstellerin musste ich erst lernen. Ich musste lernen, mich zu trauen, vor der Kamera Geräusche zu machen. Zu stöhnen. Ich musste lernen, mich vor der Kamera gehen zu lassen. Heute spiele ich den Orgasmus nur noch manchmal. Du musst dich was trauen, dann geht es einfacher. Natürlich mache ich es auch wegen des Geldes, aber es macht mir eben auch Spaß.“

Vivian Schmitt ist einer dieser Menschen, die auf ihre Art zu naiv erscheinen, als das man ihnen unterstellen könnte, sie würden das alles nur sagen, um der Rolle gerecht zu werden, die sie dann auch jenseits der Kameraperspektiven spielen müssen. Und das ist vielleicht das, was eine Frau zu einem Pornostar werden lässt, nämlich etwas, was ein Star im normalen Film gerade nicht sein sollte: in erster Linie er selbst. Hier zeigt sich: Das größte Potential der Pornographie liegt in der authentischen Wiedergabe eines sexuellen Vorgangs. Dass das Behauptete einfach die Last seiner Herstellung abwirft und von der eigenen Entstehungsgeschichte befreit, und so den unbedarften Beweis seiner Wahrhaftigkeit antritt. Das ist es, was Vivian Schmitt gelingt. Einfach, weil sie so ist.

Wenn der Nebel kommt, fangen wir an“, ruft Harry. Die Nebelmaschine hat einen Düsenschaden, den Thomas beheben wird. Dann wird genebelt, und die Bühne liegt in einem feinen Dunstschleier, der die aufgeheizte Cabaret-Atmosphäre spürbar werden lässt. Conny Dachs betritt die Bühne. Er wird die nächste Tänzerin ankündigen, nämlich Vivian, und die beginnt dann mit ihrem Verführungstanz.

Während Thomas die Nebelmaschine repariert, erklärt mir Harry die Misere der Branche: Die Porno-Industrie ist zu anonym geworden. Sex hat mit Identifikation und Persönlichkeit zu tun – aber wo bitte schön soll das denn im Internet gelingen? Ich habe damals zu Gina Wild gesagt: ‚Du musst dich bekannt machen: Videotheken, Sex-Shops, geh da hin, stell dich vor, dann sagen die Leute: Ich hab‘ mir von der ein Autogramm geholt. Ich selbst hab‘ die mit eigenen Augen gesehen. Die ist echt.‘ Die Mädchen von heute sind zu schnelllebig. Die kapieren nicht, dass man für sein Geld hart arbeiten muss. Ich muss ja nicht nur ein Star werden. Ich muss es vor allem bleiben.“

Thomas hat das mit der Düse inzwischen hinbekommen. Wir können.“ Harry macht es sich in seinem Stuhl bequem, schlägt die Beine übereinander, zündet sich eine Zigarette an, schaut auf den Monitor. Und Action!“

Nebel. Und noch mehr Nebel. Ganz viel Nebel. Conny schlüpft durch den Vorhang, springt auf die Bühne und beginnt zu reden. Nur leider kann man ihn nicht sehen. Die Nebelmaschine funktioniert. Und zwar viel zu gut. Nochmal“, ruft Harry.

Als die dichten Schwaden sich etwas aufgelöst haben, hält sich Conny startbereit. Conny Dachs ist ein schlanker, drahtiger Mann, der Mitte der 90er Jahre in einer Sauna von der Frau eines Porno-Produzenten zu Probeaufnahmen eingeladen wurde. Conny ist einer der seltenen Darsteller, die nicht nur auf Kommando vor der Kamera agieren können, sondern auch schauspielerisches Talent mitbringen, am meisten liegt ihm die Komödie wegen seiner natürlichen Begabung für den leichten Auftritt. Er kann singen, veröffentlicht eigene Songs, spielte beim Theater und wird von Regisseuren und Produzenten aufgrund seiner Zuverlässigkeit sehr geschätzt, obwohl es auch welche gibt, die ihn gerade wegen seiner bisweilen aufgedrehten Art eher für einen harmlosen Scherz als für einen Respekt einflößenden Porno-Darsteller halten.

Jetzt jedenfalls steht Conny hinter dem Vorhang und wartet auf das Kommando. Das Publikum, zu dem er von der Bühne spricht, muss er sich denken: das wird später im Gegenschnitt dazu gesetzt.

Pornodreh mit Vivian SchmittHarry zündet sich die neue Kippe an und ruft: Action!“ Conny springt leichtfüßig auf die Bühne, beugt sich leicht vor, faltet die Hände und hebt an zu seiner Ansprache. Ich habe heute die Ehre, eine ganz besondere Frau zu präsentieren. Einen Vulkan der, einen… ja, was eigentlich…?“ Verdutzt über die eigene Sprachlosigkeit sackt Conny in sich zusammen.

Harry, ganz pragmatisch: Also bitte, nochmal.“ Und was soll ich sagen?“ Sag halt ‚Vulkan der Lust‘.“ Und so geschieht es. Conny steht wieder auf der Bühne. So kann ich ihnen jetzt eine ganz besondere Frau präsentieren. Einen Vulkan der Lust. Eine femme fatal, und hier ist sie!“

Vivian Schmitt schlendert in ihrem eleganten, tief ausgeschnittenen schwarzen Abendkleid auf die Bühne. Doch der Kameramann hat aufgepasst. Denn mit Connys Aussprache französischer Wörter liegt es im Argen. „Femme“, das man eigentlich „Fam“ aussprechen müsste, intoniert er, wie es eben ein Deutscher macht, nämlich: „Fem“. Das klingt nicht gut, und vor allem nicht französisch.

Conny hat seinen Fehler schnell eingesehen. Nächster Versuch. Schnell ist er wieder auf der Bühne und sagt – es scheint wie verhext – wieder „fem fatal“. Harry tippt irgendwas in sein Handy, vermutlich eine weitere SMS. Ohne aufzuschauen, ruft er: Noch mal von vorn. Das war ja nichts.“ Vivian schaut zu mir rüber. Was heißt das eigentlich? Femme?“ Na, französisch für Frau“, erwidere ich. Vivian strahlt mich an. Wieder was gelernt.“

Conny springt zurück auf die Bühne. Er hat echt Talent. Haarscharf vor der Grenze zum Klamauk stoppt er ab. Den Conferencier glaubt man ihm sofort, so wie er lacht und sich bewegt, und jetzt klappt es auch mit der richtigen Aussprache. Die „famme“ fatale ist im Porno-Cabaret angekommen. Und alle sind zufrieden.

Harry zündet sich eine weitere Zigarette an. Sex ist eine Frage des Geistes, nicht des Körpers.“ Ich finde, das ist ein recht guter Satz zum Ende hin.

Morgen ist ein weiterer Drehtag. Eine junge türkische Darstellerin sorgt für schlechte Stimmung am Set, Dieter, ein Darsteller, trägt eine leichte Verletzung davon – und es wird klar, warum der Porno in Deutschland dringend mehr Phantasie braucht. Das alles und noch 22 weitere Stationen von der Reise durch das Land der Pornofilme in PORNO IN DEUTSCHLAND