Pornographie dient als Leitbild unseres übersexualisierten Alltags

Fernsehkritik: „Alles Porno?! Jugend und Sex 2010“ aus der Sendereihe „scobel“ (3sat)

Eine der tiefgründigsten, intelligentesten und wissenschaftlich fundiertesten Sendungen im Deutschen Fernsehen: die Reihe Scobel. Es ist ungerecht und unverständlich, dass sie weitgehend unbeobachtet versendet wird. Der Moderator, im aktuell egozentrischen Zeitalter kann man seinen Namen stets am Titel der Sendung ablesen, heißt Gert Scobel und eröffnet die Redesendung, die man durch seriöse Filmeinspieler vorzüglich garniert, mit einer mir bislang fremden historischen Einordnung. „Man spricht schnell von sexueller Verwahrlosung der heutigen Jugend.

Der Begriff ist heikel. Denn im Nationalsozialismus galten Mädchen und Frauen als sexuell verwahrlost, die viele oder gesellschaftlich nicht akzeptierte erotische Kontakte hatten. Allein dieser Vorwurf konnte zu einer Einweisung ins Konzentrationslager führen.“ Haben Sie das gewusst?

Sicher ist ihnen auch schon aufgefallen, dass sich die aktuellen Popstars kleiden wie Prostituierte. Ob dadurch tatsächlich Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten exzessiver Pornokonsum anempfohlen wird? Ich denke eher, sie orientieren sich am Outfit nach ihren Stars. Alle tun so, als ob sie sonstwie sexuell aktiv wären, aber in Wahrheit finden vielleicht viel weniger sexuelle Kontakte statt als man denkt. Hunde, die bellen, beißen nicht.

Mädchen, die sich auffallend grell jederzeit sexuell verfügbar kleiden, hatten vielleicht noch nie einen Orgasmus. Es ist doch selten so, wie es nach außen scheint. Der Chef der Marzahner Noteinrichtung Arche für verarmte, kinderreiche Familien sieht das anders: „Hier sind die Kinder nicht konfliktfähig und deshalb probieren sie sich schon in sehr jungen Jahren ohne Hemmungen sexuell aus.“ Mag sein, dass das auf gewisse Menschen zutrifft, aber trifft es für die Allgemeinheit nicht eher zu, dass man ohnehin erst mit einer g ewissen Reife genussfähig wird und sich seine Wünsche in die Realität umsetzen traut?

Fangen wir nicht alle in der Regel ziemlich schüchtern, verklemmt und ohne den Mut an auszuprobieren, was uns sexuell eigentlich gut tut? Allen Ernstes behauptet dann der Pressesprecher der Arche, dass sich Mütter mit ihren Kindern heutzutage tagsüber Pornos anschauten.

Zwei Wissenschaftler und ein Fachjournalist debattieren über die Wirkung von Pornos. Der Sexualwissenschaftler gibt ungewohnt kleinmütig zu, dass man über menschliche Sexualität rein wissenschaftlich betrachtet eigentlich nur sehr wenig wirklich sicher wisse. Es gäbe allerdings interessante Ergebnisse aus der Hirnforschung.

So würde der häufige Konsum von Pornos, wenn man dazu masturbiere und auch zum Orgasmus käme, auf das Gehirn wie eine Konditionierung wirken. Die Verhaltensweise der Akteure brennt sich mit der eigenen Verhaltensweise zusammen ins Gedächtnis ein, sodass man nach einer Weile völlig automatisch erregt reagiere, das Gezeigte als normal empfände und sich der Drang entwickle, genau das einmal selbst in der Realität zu erleben. Interessant, vielleicht liegt hier die Erklärung dafür, warum es immer mehr Bukkake- und Gangbangpartys gibt.

Die Bundeszentrale für sexuelle Aufklärung stellte in ihrer neuesten Studie einen Trend zur Romantik fest, die Jugendlichen hätten immer später ihr erstes Mal und selbst unter den Volljähriger hätten gerade mal Zweidrittel Geschlechtsverkehr gehabt. Die Studie legt also den Verdacht nah, die Jugend ist prüder geworden, trotz oder vielleicht wegen der vielen frei verfügbaren Pornographie?

Weil man Angst hat, ob man das selbst so hinbekommen könne wie im Porno verzichtet man darauf oder traut sich nicht so richtig? Und ist mit diesem ganzen Pornowissen als Backround das erste Mal nicht noch sehr viel schwieriger als ohnehin schon? Ist der Porno heute das Vorbild dafür, wie man es richtig macht?

Fragen stellen ist einfach, Antworten kann keiner so richtig geben. Eines könne man mit Sicherheit sagen: die häufigste Form der Sexualität in Deutschland ist die Masturbation. Mit weitem Abstand. Häufigster Ort: früher das Bett, heute der Bildschirm.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass es auf dieser großen Welt nur einen einzigen Experten für meine Sexualität gibt: ich selbst. Deshalb ist jeder Mensch gezwungen, die Form, in der er oder sie die Sexualität ausleben möchte, selbst herauszufinden. Viel Spaß dabei!