Pornowellenreiten beim heimischen Internetsurfen

Fernsehkritik: „Sex im Internet“ – Kinder schauen Pornos, Eltern schauen weg (3sat)

Das böse Internet ist mal wieder Schuld. Diesmal an der sexuellen Verrohung der Kinder und Jugendlichen, weil die schamlos kostenfreie Portale besuchen, um sich dort pornografisches Material anzuschauen. Tatsächlich trägt der frühe Pornokonsum wohl dazu bei, ein völlig falsches Bild von der Sexualität zu bekommen. Vielleicht sollte man daher, ähnlich wie bei Zigaretten, einen Warnhinweis auf jeden Film brennen: „Vorsicht, der Konsum dieses Kunstwerks kann ihnen einen völlig falschen Eindruck von der Sexualität mit ihrem ersten Freund oder ihrer ersten Freundin vermitteln.“ Oder man schlägt das genau konträre Konzept ein, wie es die Schweiz für Vierjährige (Sie lesen richtig!) jüngst in Kindergärten einführte: das zaghafte Heranführen der Kinder an die Sexualität mittels eines pädagogischen Sex-Koffers. Der enthält so aufklärerische, kindgerechte Dinge wie Plüschvagina, Holzpenis, sowie Puppen zum Nachstellen des Geschlechtsverkehrs. Da würde man dann endlich in der Schule mal was fürs Leben lernen.

Aber was ist denn nur mit den Schweizern los? Schießen die da nicht etwas über das Ziel hinaus?

Straßenbefragungen sind allgemein eine solide Reportermethode, um dem Volk aufs Maul zu schauen. Doch es ist schon leicht schockierend, was für Meinungen da Kund getan werden. „Für mich ist das der direkte Weg in die Gruppenvergewaltigung, wenn sich Jugendliche Pornos anschauen“, „Das führt bei denen ja beängstigend schnell zum Verlust jeglicher Moral“. Ein erfahrender Sexualpädagoge versachlicht: „Pornographie bei Jugendlichen ist ein Fakt und ein Tatsache. Es entstehen Störungen.“ Die Jugendlichen hätten es heute schwerer ihre sexuelle Identität zu finden, doch eine Gefahr für die Allgemeinheit ginge nun per se nicht von den Heranwachsenden aus. Und dann folgen immer wieder Befragungen von Mädchen und Jungs im verpickelten Alter, denen man ansieht, dass sie weder Fisch noch Fleisch sind und noch nicht wissen, was ihre persönlichen Vorlieben und Neigungen sind. Aber bei aller Besserwisserei und erhobener-Zeigefingerei: war das bei uns in dem Alter anders? Haben wir nicht auch experimentiert? Haben wir nicht auch Dinge getan, die uns heute peinlich wären, wenn jemand davon wüsste? Ist nicht alles nur viel öffentlicher geworden und haben sich lediglich nur die Medien in ihrer Vielfältigkeit verändert? Hilft ansonsten, wenn man noch so gar keine Ahnung an, einfach seit Menschheitsbeginn immer nur eines: Ausprobieren?

„Analsex sollte eigentlich gar nicht vorkommen in einer Beziehung“, meint etwas altklug ein Sechszehnjähriger. Und irgendwie gewinnt man im Laufe der Reportage fast den Eindruck, die Jugendlichen werden vorgeführt, weil man sie zu Antworten auf Fragen nötigt, die sie gar nicht adäquat beantworten können. Das mag in einer therapeutischen Sitzung, vielleicht auch in einem Klassenverband seinen Sinn haben … aber muss man jungen Menschen, die doch ein empfindliches Selbstbewusstsein haben, derart öffentlich im Fernsehen demaskieren? Ich empfinde das als entwürdigend, sozusagen fast jugendgefährdend.

In der Schweiz grassiere übrigens gerade die Pornosucht unter Jugendlichen. Die Suche nach immer neuen, aufregenderen Sexseiten beherrscht das Leben der zumeist männlichen Pubertierenden. „Ich merkte, es geht nicht mehr ohne“, gesteht ein Abhängiger von filmisch imitierter Erregung, der täglich fünf Stunden und mehr vorm PC sitzt. Sexuelle Darstellungen faszinierten die Menschen schon immer. Und die Kritzeleien in Höhlen, mit denen unsere Ur-Vorfahren ihre Phantasien und realen Erlebnisse festhielten, finden heute kunstinteressierte Bewunderer. Da hat sich doch eigentlich gar nicht so viel geändert. „Ey, das Zeug ist in meinem Kopf drin … das verabschiedet sich nicht von einem Tag auf dem Anderen“, doziert unserer betroffener Pornosuchtexperte.

Und die Moral von der Geschichte: wir sollten unsere Kinder und Jugendlichen mit ihren Pornoerfahrungen nicht länger alleine lassen und miteinander ins Gespräch kommen. Eine Aufgabe, die Eltern zufällt. Reden Sie mit ihrer Brut über Sex. Sie müssen ja nicht gleich im vierten Lebensjahr damit anfangen.