Sex im Überfluss

Fernsehkritik: „Sex im Überfluss – doch wo bleibt die Lust?“ (WDR)

Unsere pornographisierte Gesellschaft wird prüde, genehmigt sich öffentlich einen angeekelten Blick auf die erotisierenden Bilder ehe man alleine vorm heimischen Computer wieder unbeobachtet sein wahres Gesicht zeigt. In dieser Talkshow zeigen sie sich natürlich alle betroffen: die Pornodarstellerin Kelly Trump (im angemalten Augenbrauen-Look), eine Sex-Kolumnisten (in der Blümchensexbluse), ein Psychotherapeut (im ungepflegten acht-Tage-Bart), ein Journalist (im ungepflegten fünf-Tage-Bart) und ein Theologe (mit einem behaarten Gesicht, was so einen Bart macht).

Launig und lebhaft beginnen alle Diskutanten mit ihrem ersten Redebeitrag, da sie der Moderator fragte, wann und wie sie ihren ersten Pornofilm des Lebens sahen. Und eigentlich hat jeder eine amüsante Anekdote zu erzählen. Ein Filmeinspieler über die Geschlechtsverkehrserfolge der Gelsenkirchenerin Kelly Trump von einst und über ihre Entwicklung nach dem Pornoausstieg, füttert die Runde an: Kosmetikerin mit Diplom als Klassenbeste, Homepagebetreiberin, in der ihre früheren, freizügigen Vaginalöffnungszeiten noch heute vermarktet werden, Fernsehauftritte in Erotikkanälen. Ausführlich gibt sie im Anschluss ehrlich, intelligent und sexy antworten, schwelgt vielleicht eine Nuance zu sehr von den guten alten Zeiten, in denen noch viel Geld für die Produktion zur Verfügung stand, in denen sie nur eine X-Szene (eine Hardcore-Sequenz) pro Tag zu drehen hatte und in denen man noch die Karibik als Aufzeichnungsort wählte. „Hatten Sie mal richtig Lust vor der Kamera oder ist das reine Professionalität?“ – „Zu behaupten, ich hätte jedes Mal einen Orgasmus gehabt, wäre natürlich totaler Quatsch. Das geht gar nicht. Das ist wirklich Arbeit.“

Und weil offenbar die Stimmung so gelöst ist, erzählt Kelly Trump von ihrem immer wiederkehrenden Traum, den sie noch heute hat: „Ich muss mich für eine Szene fertigmachen, man ruft mich an den Drehort, doch ich will gar nicht. Und das träume ich, obwohl ich seit über zehn Jahren so was nicht mehr mache.“

Die Masche, jeden Talkgast bzw. sein Lebensthema mit einem Ranschmeißerfilmchen bekannt zu machen, setzt sich fort. Der Journalist ist dran. Seine steile These, dass früher die Wertschätzung für die Pornodarsteller größer gewesen wäre und es heute bei der großen Erektionsschau vor allem an Respekt für die Darsteller mangele, mag die Runde nur widerwillig hinnehmen. Es regt sich jedenfalls Protest von den meisten Stühlen, die der Wissenschaftler dankbarer Weise wieder versachlicht. „Pornographie prägt das Bild, was Leute für die richtige Sexualität halten.“ Dabei suchten insbesondere die jungen Benutzer doch bloß als Aufklärung. Eigentlich seien alle Pornokonsumenten narzisstisch bedürftig – nicht triebhaft oder beziehungsgesteuert. Sie wollen Aufmerksamkeit, weil sie in einer immer mehr nach Äußerlichkeiten beurteilenden Welt ein gesundes Maß an innerer Selbstbestätigung fehlt. Und die holten sich nun viele qua anderer Möglichkeiten über die Pornos. Die so erlangte Befriedigung hält nur nicht lange und es setze die gleiche innere Leere ein wie zuvor.

Wir kommen zu der Sexkolumnisten, der bekennenden Penis-Enthusiastin und heutigen Blümchenblusenträgerin in der Runde, die mit ihren erjagten Männern nicht prahlt, sie erzählt einfach in aller Ausführlichkeit was wann wie vorfiel. Ihr wichtigstes Ziel im Bett sei die eigene Orgasmushäufigkeit. Sie wirbt äußerst unterhaltsam für ihr Buch, was jedoch, wer’s gelesen hat kann’s bestätigen, eine ziemlich flache Veranstaltung ist.

Natürlich müsse man immer wissen, dass Pornos wie Horrorfilme sind: was dort gezeigt wird ist nicht echt. Ist das Fiktion oder Ficktion? „Na klar wissen die Jugendlichen, dass das der Sex in den Filmen nur Theater ist. Aber sie sehen das in einer Phase, in der sie gerade ihre eigene Sexualität erkunden, sodass der Bezug zu dem, was man gerade selber tun will, sehr viel größer ist.“ Und er legt mit einem sehr beeindruckenden Bild nach, um seine Meinung zu verdeutlichen: „Jeder weiß, wenn Jackie Chan über einen Laster springt, das macht man nicht nach. Und jeder weiß, wenn er seiner Freundin am Ende irgendwie spontan in die Augen spritzt, dann wird sie eher mit ihm Schluss machen als ihn anbetteln noch fünf andere Männer hinzuzubitten.“