Wer schön sein will, muss die Prozedur erleiden

Fernsehkritik: „Echt schön!? – der Kult um den perfekten Körper“ aus der Spiegel-TV-Reihe (Vox)

Äußerlichkeiten sind überbewertet. Aber was hilft die Erkenntnis wenn man weiß, dass sich der erste Eindruck nun mal zwangsläufig von der Ausstrahlung, vom Auftreten, der Aura bildet. Und wer über Dergleichen nicht so verfügt oder wessen Schönheit mehr innerlich versteckt ist, für den scheint es in diesem Zeitalter völlig selbstverständlich beim eigenen Äußeren etwas nachzuhelfen. Sind daran nun die retuschierten Werbefotos Schuld oder die schöngeschminkte Model-Kultur? Hat man mehr beruflichen Erfolg, wenn man makellos erscheint, weil daraus fälschlich geschlossen wird, dass man weniger Fehler hat und macht? Schönheit suggeriert Intelligenz, Leistungsfähigkeit und Herzlichkeit. Und obwohl jeder aus eigener leidvoller Erfahrung längst wissen dürfte, dass das alles nur eine Schimäre ist, fallen wir trotzdem immer wieder darauf rein. Verstehe einer dieser Menschen!

Dieser rasant geschnittene Dokumentarfilm versucht hinter die Fassade der Schönheit zu sehen. Und was wir dort zu sehen bekommen, ist nun wirklich nicht gerade schön anzuschauen. Erster Dokumentationstatort: eine Fashion-Show, wo nur superschöne Supermodels vom angesagtesten Super-Hairstylisten nicht bloß auf attraktiv gebürstet und gefönt werden. „Es gibt so viele schlecht gestylte Fernsehmoderatorinnen, die immer diesen schrecklichen Look haben. Die sehen alle aus wie Nutten. Man muss das so machen, dass es nicht auffällt“, verrät uns der gelernte Meisterfriseur und gesteht, den Frauen schon künstliche Haarverlängerungen, sogenannte Extensions, ins Haupthaar aufzukleben. Aber es muss natürlich total natürlich aussehen. Diese Ambivalenz ist doch schon auffällig. Einerseits sind Haare in den Achseln, im Schambereich heute ein absolutes Igittigitt, andererseits können die Haare auf dem Kopf gar nicht üppig genug erscheinen. Und während die Laufstegschön heiten Extensions ins Haar angeklebt bekommen, greifen andere Menschen in noch auswegloserer Lage zu Toupets und Perücken.

Männer mit Glatze sind ja ein unaussterbliches Fußgängerzonen- und Vorstandsvorsitzenden-Phänomen, aber Frauen ohne Haare sind doch noch nicht ganz so gesellschaftlich akzeptiert. Die Dokumentaristen begleiten eine Frau Doktor mit Glatze beim Gang zum Perückenmacher, der ihr eine Haube aus Echthaar herstellt, die ein Jahr lang trag- und waschbar ist. Am Kopf sind Haare eben einfach ein Must-have. Allerdings denkt man beim Anblick so mancher Toupets: musste das denn wirklich sein? Aber der Frau Doktor wollen wir mal ihr Selbstbewusstsein stärken und betonen, dass sie mit Echthaarperücke tausendmal sexier aussieht. Die Extensions kommen übrigens aus Indien, wo sich verarmte Frauen ihre eigenen Haare gegen wenige Moneten abschneiden lassen, die dann später versnobte Erste-Welt-Frauen für teures Geld tragen.

Sehr viel mehr Spaß macht es uns Fernsehvoyeuren natürlich von den schönheitsverändernden Eingriffen in der Intimzone zu erfahren. Dass dort die Schamhaare per Wachs oder per Zuckerpaste temporär von Kosmetikerinnen entfernt werden können, dürfte allgemein bekannt sein. Aber das man sich zum Beispiel eine schicke Schamlippenverkleinerung oder eine G-Punkt-Aufspritzung vom Freund zum Geburtstag schenken lassen könnte, weckt das Interesse dem Chirurgen mal live bei der Arbeit zusehen zu können. Leider, leider bekommen wir keine Bilder von der Operation gezeigt.

Eine adipöse Frau, sie wurde nach eigenen Angaben fett wegen einer unglücklichen Liebe, entscheidet sich für eine Magenverkleinerung, um ihr Gewichtsproblem in den Griff zu kriegen. Was sagt da der Hobby-Psychologe? Bitte stellen sie sich ob sofort jeden Tag für fünfzehn Minuten nackt vor den Spiegel und schauen Sie sich an. Wiederholen Sie das Ritual so viele Wochen, bis sie es kapieren und zu sich selbst sagen können: „ja, das bin ich. Ja, so sehe ich aus. Ja, ich liebe mich, so wie ich bin.“

Gibt es eigentlich schon eine wissenschaftlich überzeugende Methode, dass Gehirn auf klug zu operieren? Mir will scheinen, dies sei eine sehr viel dringendere Maßnahme. Euer Sui.