Zuschauer mit den dritten Zähnen beißen lieber in junge Pfirsichhaut als ins Gras

Fernsehkritik: „Wild Germany – Folge: Porno“ (ZDF neo)

Wild Germany - PornoEs geschehen noch Zeichen und Wunder: das konservative Zweite Deutsche Fernsehen erkundet die Pornoszene. „Das Thema ist gezielt abseitig und steht sonst eher nicht im Fokus der Medien. Die Geschichten finden in Deutschland statt, obwohl sie so gar nicht zum geläufigen Deutschlandbild passen“, orakelt uns der Werbetext des Senders vor. Selbst dem ZDF ist die Allgegenwärtigkeit der Pornographie als Leitkultur für die heutige Jugend bewusst.

Schockiert muss man nüchtern feststellen, dass 37 Prozent aller Internetseiten etwas mit Sex zu tun haben. Da das Internet jedoch nicht nur dem Fernsehen als führendes Informationsmedium längst den Rang ablief, sondern sogar dem innerhäuslich konsumierten Pornofilm per Videokassette als auch seinem außerhäuslichen Pendant im Sexkino den Garaus machte, begibt sich der ZDF-Reporter auf die Suche wie das nur passieren konnte.

Erste Station seiner Kondolenzbesuche in der Sexindustrie ist der Pornoregisseur Harry S. Morgan, der bei seinen Antworten eine Aura ausstrahlt, als sei er es höchstpersönlich gewesen, der den Sex vor der Kamera erfand. Er erzählt über die guten, alten Zeiten, wo man für 10,00 DM Pornokino-Eintritt noch ein Herrengedeck kostenlos dazu bekam. „Das Pornogeschäft hat sich geändert, als Amateure Porno machen konnten – mit Einführung der VHS-Kamera.“

In grauer Strickjacke und Gott sei Dank geschminkt sitzt dann Vivian Schmitt zum Interview bereit, die Haare eine Nuance zu gelb und die Antworten ein wenig zu aussagefrei. Sie ist von Beruf Pornodarstellerin und in Deutschland bekannt wie ein gelber Hund. Sie erzählt mit einem gewissen Enthusiasmus von ihrer neuen Serie „Ficken mit Fans“, bei dem sie durch ganz Deutschland zu ihren Fans reist. Und wenn man für sie und ihren Kameramann die eigene Wohnungstür öffnet, öffnet sie im Gegenzug für einen ihre Beine. „Wie soll das genau ablaufen“, fragt der Reporter sich der Komik seines Einwurfs wohl selbst nicht bewusst, „du kommst da rein und dein Fan fragt dich: hey, willst du `nen Eierlikör?“

Wild Germany - PornoNächste Station ist Düren, wo die Amateurdarstellerin Meli Deluxe gemeinsam mit ihrem Mann Selbstgeficktes selbst dreht. Stolz zeigt sie dem Reporter ihren Computer samt Webcam, wo sie mit ihren Fans auf den einschlägigen Amateurportalen gegen Geld redet und gefragte Körperregionen zeigt. „Die Männer können sich bei mir auch für einen Videodreh mit mir bewerben“, wofür es keine Gage gibt, dafür in der Regel das Einverständnis zur Gesichtsbesamung, weil der Konsument ein solches Ende eines Pornofilms nun mal erwartet.

Danach ist das ZDF, man kann es kaum glauben, Zeuge eines im trauten Heim fabrizierten Pornofilms von Meli, bei dem allerdings streng auf FSK16-Tauglichkeit geachtet wird. „Wir können Schluss machen. Wir können jetzt entweder richtig spritzen oder faken“, schlägt Melis Ehemann hinter der kleinen Digitalkamera vor. „Faken“, antwortet der Darsteller gleich wie aus der Pistole geschossen.

Der Reporter trifft sich nun in Hamburg mit Lara Love, eine bildschöne Frau, die ihren Lebensunterhalt komplett auf einem Amateurportal verdient und dort als Nummer Eins avanciert. „Jeder Mann, der meine Seite besucht, kann theoretisch mit mir Sex haben“, bestätigt sie dem verdutzten Reporter. Der naheliegenden Vermutung der Selbstbestätigung durch ihren großen Erfolg stimmt sie ohne Luft zu holen sofort zu. Wir sind nun live dabei, wie ein Lara-Love-Filmchen entsteht, wobei sie alles alleine macht: Idee, Kamera, Schnitt. Sie setzt sich eine Perücke auf, zieht einen Latex-BH an, bindet sich ein Strap-On um und penetriert eine herbeitelefonierte Blondine. Es scheint recht flott abgedreht zu sein. Sie habe zurzeit 65.000 Besucher pro Monat, weil sie sich eben immer was Neues einfallen ließe wie ihren Blasrekordversuch in Berlin.

In Berlin findet nun ein Treffen mit dem Regisseur Nils Molitor statt, wohl dem einzigen deutschen Filmer, der fast kinoartige, technisch- und ausstattungsmäßig anspruchsvolle Pornofilme dreht. Eine absolute Rarität in der Pornoszene. Er ist übrigens auch der Autor des wohl bekanntesten Pornodialogs der Welt: „Sag mal, warum liegt hier überhaupt Stroh?“, fragt der großen Mann mit Blick auf den Stromkasten. „Und warum hast du `ne Maske auf?“ Trash at it’s best. Als technikbegeisterter Fachmann dreht er bereits seit fünf Jahren in HD. Doch das ist nun schon ein alter Hut für ihn. Gerade hat er seinen ersten Probe-Porno in 3-D gedreht und zeigt sich mehr als nur begeistert von den neuen Möglichkeiten. Das Angenehme an diesem Mann ist, dass er tatsächlich eine Leidenschaft hat, mehr die Technik als der Porno, und uns seinen Enthusiasmus glaubhaft zu vermitteln versteht. „Ich verkaufe mit meinen Filmen Träume.“